Und wieder ist September - und wieder fahre ich in die Bretagne. Es ist das dritte Wochenende, als ich ankomme. Ich bin erstaunt, wie viele Leute noch hier sind. Auf den Straßen in Trégastel herrscht Chaos, die Restaurants sind übervoll. Das Wetter ist herrlich, man kann draußen speisen. Ich speise drinnen, traditionell im Mao in Ploumanac'h. Ein Trio aus Meeresfrüchten, Austern, Bulots und Crevetten, dann Sardinen à la plancha - und schließlich den bretonischen Traum aus Apfel und Caramel. Dazu eine Tasse Cidre und einen Café als Abschluss.
Dann Ankunft im Haus. Auf dem Parkplatz davor, dem Zugang zum Strand, stehen unglaublich viele Autos. Ich packe aus und ein und bin erschöpft. Der Hund nicht, er will action. Also - raus an den Strand. Es ist Hochwasser, viel ist damit nicht möglich. Dennoch - der Hund entdeckt die Wellen. Ich habe was zu lachen.
Ich hatte schon gehört, dass der kleine Strand unter den Stürmen im Winter schwer gelitten hatte. Nun sah ich es real. Natürlich war die Böschung wieder gerichtet. Doch das Thema braucht einen neuen Post.
Der kleine Hund findet es alles toll. Wellen kann man fangen, ins Wasser hineinbeisen.
Und man kann auch mal versuchen, nach einem Stein auf dem Meeresboden zu langen - mit den Pfoten.
Samstag, 20. September 2014
Mittwoch, 6. November 2013
Die Geschichte eines Strandes Teil 2
2010
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| Rettungsversuche |
Mitte September 2010 war die Böschung dann völlig unterspült, fast bis
zu den Gartenmauern war der Sand heruntergebrochen, es war nun kein schräger
Hang mehr, sondern eine senkrechte Klippe, aus der Sand rieselte und von der
jeder Zeit wieder große Stücke abbrechen konnten. Von der geraden Fläche, die
die Gärten der Häuser bildeten, ging es vor den Mauren fast senkrecht in die
Tiefe, von Pflanzen oder Rupfen war nichts zu sehen.
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| Attraktive Verschönerung |
Ein Band entlang des Strands hielt mit dem Hinweis auf die Gefahr die Menschen auf Abstand.
In den letzten beiden Wochen des Septembers füllten nun drei Arbeiter
mit einem kleinen Bagger erneut Sandsäcke ab und stapelten sie unten am Abbruch
der Böschung hinter der Absperrung. Immerhin schafften sie am Tag so etwa 8 bis
10 Säcke in unglaublicher Geschwindigkeit, indem zwei den Sack hielten, während
der dritte den kleinen Bagger bediente und Sand in die weißen Tüten schaufelte
– auch eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme.
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| Die Situation im November 2010 |
Als die Reihe der Sandsäcke vom einen Ende an der Ecole de
voile bis zum anderen Ende des Strandes am großen Felsen geschlossen war,
begannen Anfang Oktober die drei Arbeiter mit ihrem Bagger eine neue Reihe Sandsäcke
aufzufüllen, die sie vor der bereits bestehenden Reihe stapelten. Dieses Mal waren es nicht nur einzelne Säcke,
die wie die Soldaten nebeneinander standen, sondern eine weiter Plastikfolie
wurde über sie gezogen, um sie zu verbinden. Eine interessante Konstruktion,
besonders da dann auch noch Sand auf die Säcke geschaufelt wurde.
Die nächste Springflut im Oktober fand ausnahmsweise ohne Sturm statt.
Die nächste Springflut im Oktober fand ausnahmsweise ohne Sturm statt.
Auch wenn ein Baum in Landrellec über die Klippe gekippt ist, woran
der Wind der letzten Tage sicher beteiligt gewesen war, blieben bis zur Abreise
der Chronologin die Herbststürme aus. Am Abreisetag wird zum letzten Mal in
diesem Herbst die Springflut auf einen Koeffizienten von 101 steigen, was aber
noch lange nicht in die Nähe der höchsten Flut mit dem Koeffizienten 116 kommt,
die im März stattgefunden hatte. Vermutlich wird auch der nächste März wieder
eine solch hohe Flut bringen – vielleicht dann mit Sturm. Ob dann diese
großartige Zierde von sorgfältig platzierten
Sandsäcken das weitere Abbrechen der Klippe verhindern können, darf mit dem
gesunden Menschenverstand derer, die keine Gelder von der EU oder aus Paris
erhalten, bezweifelt werden. Eine Fortsetzung dieser Geschichte des kleinen
Strandes ist damit in jedem Fall zu erwarten.
September 2011
Der erste Blick über den Felshaufen zeigt: Nichts hat sich geändert. Die Sandsäcke stehen noch wie letztes Jahr. Die Attraktion des kleinen Strandes bilden weiterhin die Reihen der Sandsäcke. Allerdings sind sie inzwischen etwas zerzaust, Stürme und Grande Marée der letzten Monate sind nicht spurlos an ihnen vorübergegangen.
17. Oktober 2011 – ein denkbarer Tag in der Geschichte des Strandes.
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| Gefahr - Zugang verboten |
Der Zugang ist gesperrt. Ein Gitter verhindert das Betreten
des Strandes vom Felsen her – vermutlich ist auch der Zugang an der Segelschule
verboten. Ein großes Schild verkündet: „Gefahr!“ Besonders interessant ist das,
wenn man wie die Schreiberin dieser Zeilen den Nachmittag während Niedrigwasser
auf dem Meeresboden zwischen und auf den Inseln vor der Bucht verbracht hat und
eigentlich auf dem Heimweg plötzlich von der hinteren Seite des Gitters
überrascht wird, das einem am Verlassen des Strandes hindert. Zum Glück ist man
des Kletterns mächtig und umgeht das Gitter über den Felsen.
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| Sand wird umgewälzt |
Nachmittags ist dann von der anderen Seite der Bucht, wo die
tägliche Runde über den dortigen Küstenweg und durch die Heide im Innern
stattfindet, zu erkennen, dass die Reihe der Sandsäcke aufgelöst und die Säcke
zu kleinen Gruppen zusammengestellt worden war. Was am Abhang unterhalb der
Häuser stattgefunden hat, ist auf die Entfernung nicht genau zu erkennen.
Ein paar Tage später wird eine Plane über den Hang gezogen,
Rupfen vermutlich, um den Hang zu stabilisieren und den Pflanzen die
Möglichkeit zu geben, sich anzusiedeln. Hatten wir das nicht schon?
Grande Marée Ende Oktober, kurz von Toussaint – ob alle Heiligen das wohl beobachten und ob Sainte Anne – der hier mal mindestens eine Kirche geweiht ist – oder Saint Samson, der überall seine Spuren hinterlassen hatte, helfen können? Am Freitag soll der höchste Stand des Hochwassers erreicht werden. Am Donnerstag weiht morgens vor Sonnenaufgang der Hund den neuen Abhang ein, indem er hinaufspringt und seinen Haufen ganz oben setzt, innerhalb der Absperrung. Unten war das Wasser, das bereits wieder am Ablaufen war, bis zum Hang vorgedrungen und hatte die ersten Spuren hinterlassen. Der Sand war weggebrochen, etwa in der Mitte schon wieder ein gutes Stück abgerutscht. Auch dieses Grande Marée wird ohne heftigen Sturm ablaufen, somit wird dieses Meisterwerk den Herbst wohl überleben. Doch der nächste Sturm kommt – und das nächste Grande Marée auch – spätestens im Frühjahr.
Standort:
Grève rose, Trégastel, Frankreich
Dienstag, 5. November 2013
Die Geschichte eines Strandes - Teil 1
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| Grève rose 2013 vor dem letzten Sturm |
Standort:
Grève Rose, Trégastel, Frankreich
Freitag, 1. November 2013
Île aux Lapin
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| Île aux Lapin |
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| Felsenchaos mit Ohren |
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| Das Wasser nähert sich von beiden Seiten |
Der Granitsockel der Insel ist relativ einfach zu besteigen,
wenn man weiß wo. Doch das machen so viele Leute aller Altersgruppen, dass man
nur einmal zuschauen muss und dann kennt man die Zugänge für unsportliche
Menschen.
Auf der Insel gibt es mehrere massive Felsen in
phantasievollen Gestalten. Und es gibt die Hasenohren. Eines dieser Ohren liegt
so, dass sich unter seiner schmalen Spitze ein Raum bildet. Ein troglodytischer
Raum, an dem auf den drei offenen Seiten Reste einer Mauer zu sehen sind. Die
Felsen auf dem Boden dieses Raumes scheinen natürliche Möbel zu ergeben, man
braucht nicht einmal viel Phantasie dazu, zwei Bänke, einen Tisch, ein Bett und
eine Feuerstelle zu erkennen.
Das Haus des Zantig
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| Reste der Mauer sind unter dem Felsen zu sehen |
Seine Geschichte wurde mündlich von Sylven Gourvil berichtet:
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| Die troglodytische Behausung in Gesamtansicht |
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| Damals - eine von Zantigs Postkarten |
Doch bekannt wurde er durch seine Zeit auf der Île aux Lapin,
die auch auf einen Schiffbruch zurückgehend l'Île aux Croix, die Insel mit dem
Kreuz, genannt wurde.
1930 baute Zantig aus Backstein die Schutzhütte, eine Art
Wohnung, unter dem Felsen. Der Felsen wird noch heute „Roche Zantig“ genannt,
der Felsen des Zantig. Er lebte vom Fischen zu Fuß – pêche à pied, noch heute
eine beliebte Freizeitbeschäftigung, bei der bei Ebbe der Meeresboden und die
Felsen nach Meeresgetier abgesucht wird. Er fischte auch von seinem 4,5 m
langen Boot „Les Perdreaux“ – „die Rebhühner“ wäre das zoologisch, doch
irgendwie gibt es auch eine etwas derbere Bedeutung – „der Bulle“ – dafür. Ich tendiere zu
letzterem.
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| Felsengebilde |
Seine Beute verkaufte er an Touristen und Einheimische.
Außerdem erhielt er für seine Dienste als Seemann 6. Klasse bei der
Küstenschifffahrt von 1929-1942 eine Rente.
Er benutzte eine Seilwinde, um die Insel mit dem Festland zu
verbinden. Außerdem hatte er eine kleine Herde und schoss „Wasservögel“ mit
einer Flinte aus dem ersten Weltkrieg.
Während des 2. Weltkrieges – als die Deutschen die Bretagne
besetzt hatten und die Küste befestigten, um eine Invasion abzuwehren, die dann
in der Normandie stattfand – wurde er von der Insel vertrieben und fand
Zuflucht in einem verlassenen Haus an der Grève Blanche.
Zantig hatte nur wenige Freunde. Zu ihnen gehörte der, den
sie „Otter“ riefen und der in einem Bunker lebte, ein anderer Außenseiter an
dieser Küste, wie auch Vater Adam, der im Schutz des Felsens unter dem „Père
Eternel“ hauste. Heute ist dort das Aquarium von Trégastel.
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| Naturkunst |
Zantig hatte immer eine Faszination ausgeübt und übt sie
noch heute aus. Er war in sich ein Kunstwerk. Er war extravagant, exzentrisch,
sarkastisch gegen Touristen und den Frauen gegenüber verführerisch, wenn er mit
seiner Barke zwischen den Inseln herum glitt. Er schrieb und sang und
vermittelte seine Sicht der Dinge beängstigend dämonisierend. Er verkörperte
die Phantasie, lebte den Traum der Freiheit. Damit war er wie eine Figur aus
den alten Geschichten und Märchen, die die Küste der Bretagne umwehen.
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| Les sept îles |
Labels:
Bretagne,
Bretonisch,
Felsen,
Insel,
Troglodytisch
Standort:
Île aus Lapin, Trégastel, Frankreich
Sonntag, 27. Oktober 2013
Schlafende Häuser
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| Weiße Küsten |
Die Küste der Bretagne ist verbaut. Es gibt kaum einen
Küstenabschnitt, an dem auf längere Strecke kein Haus steht. Fährt man mit dem
Boot hinaus und schaut zurück, so gibt es Küstenabschnitte, die weiß von den
Gebäuden sind, grünes ist fast nicht mehr vorhanden. Nur hohe Klippen haben der
Bauwut Einhalt geboten – doch oben, direkt am Rand der Felsen, mit dem schönsten
Blick über das Meer, findet man dann doch das ein oder andere Haus, die Villa,
das Schlösschen.
Ferienziel der Reichen
Schon Ende des neunzehnten Jahrhunderts haben nicht mehr nur Fischer und Bauern
ihre kleinen Häusche
n bewohnt, auch reiche Leute aus Paris und anderen Städten bauten
sich ihre Domizile ans Meer. Spektakuläre Beispiele sind das Chateau Costaere
vor Trégastel, in dem heute Dieter Hallervorden residiert, oder das im
Abschnitt über die Inseln genannte Haus auf der Île Illiec, das dem Flieger
Lindbergh gehört hatte, das aber vor der Jahrhundertwende von einem reichen
Menschen gebaut worden war.
Auf der Halbinsel Crozon, ganz am Ende, steht die Ruine des Manoir
de Coecilian, das dem französischer Symbolist und Dichter Saint-Pol-Roux gehört
hatte. Es war 1944 von den Deutschen bombardiert worden, seither ragen nur noch
seine vier Ecktürme in den Himmel.
Solche Häuser gibt es einige. Auch hier an de Côte Granite
Rose stehen einige alte Häuser, die eindeutig kurz vor oder nach 1900
entstanden sind. Doch damals standen sie einsam auf ihren Felsen. Heute sind
sie umringt von Neubauten, die in den letzten Jahrzehnten entstanden sind.
Fischer- und Bauernhäuser
Natürlich hat es immer Städte und Dörfer gegeben, die bis an
die natürlichen Häfen der Küste heranreichten, die dann zu befestigten Häfen
ausgebaut wurden. Auch haben Fischer immer an günstigen Stellen der Küste
gebaut. Oft gibt es Ruinen von Gebäuden an Stellen, wo man sie gar nicht
erwartet. Zum Beispiel hat bis 1968 auf der Île Lapin unter dem Felsen, der wie
in Hasenohr geformt ist, in einer troglodytischen Behausung der Fischer Zantig
gelebt. Die Mauer, die er zu seinem Schutz gebaut hat, ist noch zu sehen.
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| Traumlage - meist geschlossen |
Auch einzelne kleine Bauern- und Fischerhäuser gibt es immer
wieder. Doch letztendlich sind diese alten Gebäude so verstreut und in großen
Abständen, dass die Natur dazwischen ein Chance hatte. Auch haben sich Fischer
und Bauern bemüht, ihre Häuser so zu bauen, dass sie weder bei einem Sturm noch
durch hohe Fluten beschädigt würden und das Leben in den Häusern selbst bei den wildesten Wettern einigermaßen
erträglich sein konnte.
Einige alte Höfe auf den Inseln sind auch mit der neuen Zeit
wegen Unrentabilität aufgegeben worden, denn heute würde niemand mehr einen
Kilometer vom Festland entfernt leben wollen, auf einem Felsen, an dem anzulegen
selbst mit modernen Schiffen gefährlich ist, wenn ein heftiger Sturm tobt.
In der alten Zeit dachte man über Wind und Wetter nach und
baute entsprechend.
Die verbaute Küste
Doch in der neuen Zeit, mit dem Tourismus, änderte sich das.
Heute werden Ferienhäuser gebraucht. Und es wurde gebaut und gebaut.
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| Auf einem Landvorsprung steht dieses neue Haus |
Als wir in 1987 zum ersten Mal die Bretagne bereisten und
einmal um den ganzen Drachenkopf herumfuhren, waren wir schon damals entsetzt,
wie wenig freie Küste es gab. Doch draußen am Ende der Welt, an der
westlichsten Küste der Bretagne, am Oberkiefer des Drachens nördlich von Brest,
waren die Dünen unbebaut und ungeschützt dem Sturm vom Atlantik ausgesetzt. Es
gab unterhalb der schroffen Klippen, die für diese Küste typisch sind, in den
Senken, die kleine Bäche, die ins Meer fließen, geformt hatten, diese einsamen,
geheimnisvollen sandigen Buchten, teilweise nur schwer zugänglich, mit ihren
faszinierenden Felsformationen, ihren Bögen, Stelen und Höhlen.
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| Ein alter Ort, der sich ausgeweitet hat |
Jahre später waren in den Senken
bis zum Zugang des Strandes zugebaut. Die Häuser reichten bis keine 50 m an der
Küste, auf den Felsen standen edle Villen in Parks. Freies Gelände gab es
wirklich nur noch dort, wo man wirklich keinerlei Chance hatte, mit den
Baulastern hinzugelangen.
Wenn man mit dem Schiff von der Insel Ouessant ganz im
Westen auf das Festland zurück fährt, sieht man an der ganzen Küste entlang
einen weißen Streifen – Häuser. Freies Gelände gibt es kaum noch – zwischen Porspoder
und dem Leuchtturm von Pointe Saint Mathieu. Diese Küste geht genau nach
Westen. Nur der westlichste Punkt Frankreichs, Pointe Corsen, ist unbebaut. Der
Semaphore, von dem aus der Schiffsverkehr um die gefährlichen Felsen herum und
zum Eingang des Ärmelkanals überwacht wird, wurde etwa 300 m von den steilen
Felsen landeinwärts gebaut.
Stürmische Küste
Das heißt, hier am Ende des Kontinents prallt das Wetter ungebremst
auf das Land. Die Frühjahrs- und Herbststürme donnern mit der ungebremsten
Kraft, mit der sie über den Atlantik fegten, gegen die Küste. Aus diesem Grund
ist der Westzipfel der Bretagne von Natur aus karg, es wachsen fast keine Bäume
auf den offenen Flächen. Die alten Granithäuser ducken sich in die Senken und
haben keine Öffnungen in die Richtung, aus der der Sturm kommt.
Nun stehen dort neue Häuser. Schutzlos sind sie dem
Wetter aus dem Westen ausgesetzt.
Doch im Frühjahr und im Herbst sind diese Häuser
verschlossen. Sie schlafen. Denn sowohl die alten als auch erst Recht die neuen
Häuser sind Ferienhäuser. Sie wurden gebaut, damit Pariser Familien oder andere
Feriengäste die Sommerferien dort verbringen können. Für den Rest des Jahres
sind die meisten verschlossen. Wenige werden in den Herbstferien, an
Weihnachten und vermutlich Ostern geöffnet.
Bretonische Erben
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| Umgebautes Bauernhaus - geschlossen |
Die alten Fischer- und Bauerhäuser, die schon lange hier stehen,
werden von Bretonen, die in Paris oder anderswo ihr Arbeitsleben verbrachten,
geerbt. Es geht die Mär, in Paris leben mehr Bretonen als in der Bretagne
selbst. Das sagt man aber auch von den Iren: Es gibt mehr in England als in
Irland – von den USA ganz zu schweigen. Die Bretonen waren in ihrer Jugend in
die Stadt gewandert, da es in der Bretagne keine Arbeit gab. Die Eltern blieben
in den kleinen Häuschen zurück. Die Kinder machen Karriere – und erben
irgendwann das Haus an der Küste.
Teilweise werden diese Häuser dann verkauft. Vor der Krise
kauften hauptsächlich Engländer, Deutsche und auch Holländer – wie überall in
den schönen Gegenden Frankreichs. Die Immobilienpreise waren so hoch, dass
Einheimische keine Chance hatten. Irgendwann in den Jahren nach der
Jahrtausendwende aber gab es zwei Änderungen. Die erste betraf den
Immobilienmarkt überhaupt. Ein neues Gesetz besagte: die Häuser mussten zuerst
Bretonen angeboten werden, bevor Ausländer oder auch Pariser kaufen konnten –
und das wohl auch zu einem bezahlbaren Preis. Wie weit das funktionierte, weiß
ich nicht, denn dann kam die Krise. Mindestens die Engländer kehrten nach Hause
zurück. Nicht alle, aber viele. Wenn ich allerdings bei den Immobilienmaklern
ins Schaufenster schaue, hat da an den Preisen nichts geändert, die sind
weiterhin astronomisch.
Was aber eigentlich wichtiger ist: Noch vor der Krise griff
der Küstenschutz auch in Bezug auf Neubauten.
Küstenschutz auch hier
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| Geschlossen - auf einem Felsvorsprung am Meer |
Wie ich an anderer Stelle schon einmal erwähnte, bemüht man
sich schon seit vielen Jahren, die Küste zu retten. Im Zusammenhang mit der
wilden Bebauung bedeutete das: Ab etwa Mitte 2000 durfte nicht mehr näher als
800 m an die Küste herangebaut werden, innerhalb von Siedlungen, wo die Küste
bereits bebaut ist, nicht näher als 300 m. Man hatte sozusagen fünf Minuten
nach 12 Uhr die Reißleine gezogen.
Eines der besten Beispiele für diesen unmäßigen und
unvernünftigen Hausbau an der Küste sind die sieben Häuser oberhalb der Grève
blanche. Laut meiner Vermieterin sind diese Häuser Anfang der 1970er gebaut
worden. Ich vermute, die ganze Siedlung Grève Blanche ist bis auf ein oder zwei
Häuer nicht älter.
An der Ecke befindet sich die Segelschule. Das Haus scheint
alt zu sein, es ist gegen das Meer durch Dünen und eine Mauer geschützt. Dort
ist immer etwas los, das Haus ist immer offen. Jenseits der kleinen Straße, die
als Zugang zum Strand dient, stehen sechs kleinere Häuser, die alle im Herbst
geschlossen sind. Vielleicht sind während der Herbstferien ein oder zwei für
eine Woche vermietet, vielleicht sogar von den Eigentümern bewohnt, aber nicht
jedes Jahr. Das siebte, südlichste Haus, ist das imposanteste. In den ersten
Jahren, die ich hier den Herbst verbrachte, war es noch ganzjährig von den
Eigentümern bewohnt. Dann zogen diese aus, und es wurde als Ferienhaus
vermietet. Es ist allerdings auch im Herbst meist bewohnt, von wechselnden
Gästen. Es ist ein Traumhaus mit einem wunderschönen Blick über die Bucht mit
den Inseln Tanguy, Île de Seigle und der Kanincheninsel, hinüber zur Île Grande
und der ganzen Bucht von Lannion. Schöner, denkt man, kann man nicht leben.
Warum aber sind die Eigentümer ausgezogen, wenn sie in so
einem Traumhaus leben konnten?
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| Grève Blanche |
Weil diese sieben Häuser oben auf ihrer Anhöhe ungeschützt
Richtung Westen auf das Meer hinausschauen. Wenn der Sturm vom Atlantik
herkommt, donnert er auch dort ungebremst auf die Hauswände. Meine Vermieterin
erzählte mir, dass die Menschen dort bei Sturm nicht schlafen können, sie fühlen
sich wie bei einem Erdbeben. Ich frage, warum man die Häuser da gebaut hat. Sie
grinst und zuckt mit den Schultern. Wir wissen es ja auch alle…
Während ich hier schreibe, ist der für heute angesagte
Sturm, der mit 130 km auf das Festland donnern soll, angekommen. Das Haus, in
dem ich mich befinde – etwa 100 m vom Strand entfernt und geschützt durch einen
Felsen - dröhnt und wackelt, wenn die Böen auf die Mauer prallen. Es braucht
nicht viel Phantasie, sich vorzustelle, wie das Leben in diesen sieben Häusern
vorne am der Grève blanche sind. Aber – sie sind ja leer und verriegelt.
Der kleine Strand, Grève blanche, der vor diesen Häusern
liegt, erzählt eine eigene Geschichte, die ich schon seit 2008 jedes Jahr
weiterschreibe und hier ebenfalls veröffentlichen werde. „Die Geschichte des
kleinen Strandes“. Auch da spielen diese sieben Häuser eine Hauptrolle.
Standort:
Trégastel, Frankreich
Montag, 21. Oktober 2013
Dimensionen eines Felsenweges
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| Im Reich der Trolle und Elfen |
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| Porz Scarff - gegenüber Buguélés |
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| Bewacht den Zugang |
Nördlich des Hafens ragt ebenfalls eine kleine Felsenspitze
ins Meer. Dort ist der Parkplatz und dort beginnt der Weg in die Felsen, bewacht wird dieser Eingang vom Kaiser persönlich.
Der Felsenweg
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| Der Eingang in die andere Welt |
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| Dramatik |
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| Massive Kraft der Natur |
Doch was man sieht ist so fantastisch, dass man am besten
stehen bleiben sollte, um nicht auch noch zu stolpern, so sehr schweift der
Blick über diese unglaubliche Landschaft und das Meer.
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| Kathedralen der Natur |
Zwei Felsennasen gehen hinaus vom Weg Richtung Meer. Dort kann
man sich hinsetzen und sinnieren, sich sonnen oder auch ein Buch lesen. Zu
einem großen Felsen am Meer ist ein Pfad durch den Farn geschlagen. Auch dort
kann man sich nun nach leichtem Klettern ausruhen, ohne eine Machete benutzen zu
müssen.
Wenn im Herbst nachmittags die Sonne tief steht und das Meer von Südwesten silbern färbt, glaubt man im Bild der Felszacken, die immer kleiner werdend ins Meer hinausführen, Tolkins Gestalten herannahen zu sehen.
Es könnte auch die Barke mit Merlin oder den Druiden dort auf dem glitzernden Wasser zwischen den schwarzen Schatten zu gleiten. Ich sehe die hohe Gestalt der Morgane herannahen. Die Dimension scheint sich verändert zu haben. Ich fühle mich in der anderen Welt, nicht mehr zugehörig zur Realität.
Labels:
Bretagne,
Felsen,
Meer,
Plougrescant,
Steine
Standort:
Porz Scarff, Plougrescant, Frankreich
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