Posts mit dem Label Insel werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Insel werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 1. November 2013

Île aux Lapin



Île aux Lapin
Die Insel der Kaninchen – wenn man sie genau anschaut, ahnt man, wie sie zu ihrem Namen kam. Zwei der riesigen Granitfelsen sind wie Kaninchenohren geformt. Allerdings ist sie auch mit Kaninchenlöchern durchsiebt. Diese winzigen kleinen Tierchen sind in der Bretagne überall am Meer zu finden.
Felsenchaos mit Ohren
Die Insel liegt nur wenige Meter vom Festland, von der Ecke der Grève Blanche, an der die Segelschule steht, entfernt. An dieser Ecke des Strandes ist ein kleiner Felsenhaufen, von dem aus auf der anderen Seite ein Damm aus Sand und kleinen Steinen zur Insel hinüberführt. Dieser Damm ist noch lange begehbar, wenn das Wasser aufläuft. Bei niederen Koeffizienten ist er nur kurze Zeit ganz überflutet.
Das Wasser nähert sich von beiden Seiten
Ich habe schon Touristen schockiert, weil ich noch hinüber zur Insel ging und auf sie hochkletterte. Sie standen an dem Felsenhaufen am Beginn des Dammes und starrten entsetzt zu mir hinüber. Offensichtlich konnten sie die Tide nicht einschätzen. Doch ich bin schon so oft hier gewesen, dass ich weiß, wie lange es dauert, bis der Damm überflutet wird. Auch weiß ich genau, wo das Wasser sich von beiden Seiten hier trifft und habe oft zugeschaut, wie es steigt und schließlich zusammenfließt. Bei diesem Spiel ist es nur wichtig zu beachten, dass dieser Punkt sich von einem Jahr zum anderen ändern kann, genau wie die Sandbänke in der Bucht, die umspült werden, bevor das Wasser sie überspült. Durch die Stürme im Herbst und Frühjahr kann sich die Oberfläche des Meeresbodens ändern – und dann ändern sich auch diese Strömungen.
Der Granitsockel der Insel ist relativ einfach zu besteigen, wenn man weiß wo. Doch das machen so viele Leute aller Altersgruppen, dass man nur einmal zuschauen muss und dann kennt man die Zugänge für unsportliche Menschen.
Auf der Insel gibt es mehrere massive Felsen in phantasievollen Gestalten. Und es gibt die Hasenohren. Eines dieser Ohren liegt so, dass sich unter seiner schmalen Spitze ein Raum bildet. Ein troglodytischer Raum, an dem auf den drei offenen Seiten Reste einer Mauer zu sehen sind. Die Felsen auf dem Boden dieses Raumes scheinen natürliche Möbel zu ergeben, man braucht nicht einmal viel Phantasie dazu, zwei Bänke, einen Tisch, ein Bett und eine Feuerstelle zu erkennen.  

Das Haus des Zantig

Reste der Mauer sind unter dem Felsen zu sehen
Dieser troglodytische Raum wurde von Zantig gebaut, einem Außenseiter der Gesellschaft. Er hieß mit richtigem Namen Alexandre Marie Lefebvre (1893-1968).
Seine Geschichte wurde mündlich von Sylven Gourvil berichtet:
Die troglodytische Behausung in Gesamtansicht
Alexandre Marie Lefebvre, genannt Zantig, wurde am 24. März 1893 in LeHavre als Sohn der Marie Perrine Ropars und des Eugène Maximilien Lefebvre, von Beruf Seeman, geboren. Er wuchs jedoch mit seinen Geschwistern beim  zweiten Ehemann der Mutter, einem Russen namens Michel Kradtzoff, in Pleumeur-Boudou auf. Es waren vier Geschwister. Ein Bruder wurde Fischer, ein andere Wilderer in Pleumeur-Boudou. In jungen Jahren wurde der Junge einer Pflegemutter in Trégastel übergeben. Er erhielt keine
Damals - eine von Zantigs Postkarten
Bildung, sondern begann mit 13 Jahren auf dem Bau zu arbeiten. Mit 18 Jahren ging er zur Fremdenlegion. Dort erhielt er während einer Disziplinierung eine Ganzkörpertätowierung, Pfau und Schlange.
Doch bekannt wurde er durch seine Zeit auf der Île aux Lapin, die auch auf einen Schiffbruch zurückgehend l'Île aux Croix, die Insel mit dem Kreuz, genannt wurde.  
1930 baute Zantig aus Backstein die Schutzhütte, eine Art Wohnung, unter dem Felsen. Der Felsen wird noch heute „Roche Zantig“ genannt, der Felsen des Zantig. Er lebte vom Fischen zu Fuß – pêche à pied, noch heute eine beliebte Freizeitbeschäftigung, bei der bei Ebbe der Meeresboden und die Felsen nach Meeresgetier abgesucht wird. Er fischte auch von seinem 4,5 m langen Boot „Les Perdreaux“ – „die Rebhühner“ wäre das zoologisch, doch irgendwie gibt es auch eine etwas derbere Bedeutung –  „der Bulle“ – dafür. Ich tendiere zu letzterem.
Felsengebilde
Seine Beute verkaufte er an Touristen und Einheimische. Außerdem erhielt er für seine Dienste als Seemann 6. Klasse bei der Küstenschifffahrt von 1929-1942 eine Rente.
Er benutzte eine Seilwinde, um die Insel mit dem Festland zu verbinden. Außerdem hatte er eine kleine Herde und schoss „Wasservögel“ mit einer Flinte aus dem ersten Weltkrieg.
Während des 2. Weltkrieges – als die Deutschen die Bretagne besetzt hatten und die Küste befestigten, um eine Invasion abzuwehren, die dann in der Normandie stattfand – wurde er von der Insel vertrieben und fand Zuflucht in einem verlassenen Haus an der Grève Blanche.
Zantig hatte nur wenige Freunde. Zu ihnen gehörte der, den sie „Otter“ riefen und der in einem Bunker lebte, ein anderer Außenseiter an dieser Küste, wie auch Vater Adam, der im Schutz des Felsens unter dem „Père Eternel“ hauste. Heute ist dort das Aquarium von Trégastel.
Naturkunst
Zu Zantigs Tod 1968 gibt es verschiedene Versionen. Die einen behaupten, er starb an einer Lungenentzündung, die anderen, man habe ihn nackt und sauber rasiert auf seinem Bett gefunden. Er wurde mit der Ehre eines Veteranen zur Kirche geleitet und auf dem Friedhof beigesetzt. In einer weiteren Version starb er in seiner Behausung und wurde von „Gwénojen“, einer Art Wichtel, dort abgeholt und auf dem Friedhof von Trégastel begraben.
Zantig hatte immer eine Faszination ausgeübt und übt sie noch heute aus. Er war in sich ein Kunstwerk. Er war extravagant, exzentrisch, sarkastisch gegen Touristen und den Frauen gegenüber verführerisch, wenn er mit seiner Barke zwischen den Inseln herum glitt. Er schrieb und sang und vermittelte seine Sicht der Dinge beängstigend dämonisierend. Er verkörperte die Phantasie, lebte den Traum der Freiheit. Damit war er wie eine Figur aus den alten Geschichten und Märchen, die die Küste der Bretagne umwehen.
Les sept îles

Dienstag, 8. Oktober 2013

Par tous les temps



Bei jedem Wetter

Himmel über Île Grande City
Ja, die Bretagne hat ein Wetter. Manche behaupten, es sei immer schlecht. Es würde immer regnen. Sozusagen das, was man für das große Britannien jenseits des Kanals behauptet, gelte auch hier. Nur – das stimmt nicht, auf beiden Seiten des Kanals.
Bis jetzt ist das Wetter so schön, mit wenigen Regenschauern, die nie lange dauern, dass ich kaum Zeit habe, hier im Haus zu schreiben und den Blog weiterzuführen. Denn es macht wenig Sinn, wenn es draußen so schön ist, die Zeit im Haus abzusitzen.

Als ich vor 26 Jahren zum ersten Mal in der Bretagne war, neugierig und naiv, nur das wissend, was ich mir aus irgendwelchen Büchern vorher angeeignet hatte, und von meinen Erfahrungen auf den britischen Inseln, fuhren wir im Juni los und blieben bis nach dem Nationalfeiertag am 14. Juli. Damals war das Wetter zu Hause ziemlich kühl und nass.
Wir begannen die Bretagne dort zu entdecken, wo eigentlich jeder Neuling anfangen sollte: Am Mont Saint Michel.
Ich werde in diesem Blog nicht weiter auf ihn eingehen, da er nicht in der Bretagne steht. Nur so viel: er ist es wert, besucht zu werden. Man sollte nur schauen, dass man nicht in den Hauptzeiten ankommt. Und auch in den Nebenzeiten tut man gut daran, früh morgens den Besuch zu starten. Wie man heute, wo der Damm mit den Parkplätzen aufgelöst ist, hinkommt, habe ich noch nicht ausgetestet. Aber wie gesagt – er liegt in der Normandie. Bis der Fluss Couesnon sich entscheidet, wieder – wie einst – östlich vom Mont zu münden, wird das auch so bleiben.
Als wir damals „am Mont“, wie er allgemein liebevoll tituliert wird, ankamen, nächtigten wir auf einem Camping muncipal, einem städtischen Campingplatz – und wurden ziemlich nass. Es war kalt und ekelhaft.
Wir fuhren über die Grenze – den Fluß – in die Bretagne, schauten uns Saint Malo an, besuchten die Steinarbeiten von Rothéneuf, aßen die ersten Austern unseres Lebens in Cancale, fuhren weiter am Fort de la Latte vorbei und über das Cap Fréhel. Wir froren und wunderten uns nicht, denn so war uns die Bretagne beschrieben worden. Wir stellten uns darauf ein, die nächsten Wochen unserer Reise feucht, kühl und relativ ungemütlich zu verbringen. Doch wir waren in der Bretagne, und die faszinierende Küste würde uns entschädigen.
Wir landeten schließlich an der Côte Granite Rose, in Landrellec, auf einem wunderschönen, direkt an der Bucht gelegenen Campingplatz.
Und dann wurde es schönes Wetter.
Während der restlichen Zeit, die wir den Drachen umrundeten, schien die Sonne, es war warm, fast zu warm. Ich erinnere mich, dass es auf der Halbinsel Saint Marguerite zwischen dem Aber Wrac’h und dem Aber Benoit morgens nebelig war, als ich aus dem Auto kroch. Ich ging dort auf einen der Felshaufen vor der Küste und fühlte mich wie in den Nebeln von Avalon. Es war angenehm, kühl und wie Seide auf der Haut.
Und dann brach die Sonne durch den Nebel, der graue Schleier löste sich auf und ein wunderschöner Tag begann. 
Regen zieht über die Bucht heran
Genau so ist die Bretagne. Es kann regnen, es kann stürmen, Nebel kann über das Meer ziehen. Doch genau so schnell kann die Sonne wieder hervorkommen und alles trocknen.
Ich war noch nie im Hochsommer hier, für mich ein Glück. Und ich kenne Leute, die ihren Urlaub abgebrochen haben und nach Süden flohen, weil es angeblich nur regnete. Doch ich kann sagen: all die Jahre, die ich in die Bretagne reiste, hatte ich noch nie dauerhaftes schlechtes Wetter.
Ich hatte Herbste hier, da stieg im Oktober das Thermometer noch bis 30°C, tagsüber. Nachts wurde es dann angenehm kühl. Im Jahr 2011 schwamm ich in der Bucht gegenüber – Ende Oktober. Und ich habe keine Lust, ins Meer zu gehen, wenn es kühl ist. Das tat ich als junges Mädchen, heute nicht mehr.
Auch im Frühjahr, im Mai und Juni, hatte ich nie dauerhaft schlechtes Wetter. Wenn es regnete, dann einen halben Tag. Ein ganzer Regentag ist eine Seltenheit.  
mer agitée - tosendes Meer, wenn die Sonne scheint

Dienstag, 24. September 2013

Inseln



Das Archipel - in der Mitte die Île de Marquer

Inseln finde ich grundsätzlich faszinierend. Die Inseln vor der Bretagne haben ihren eigenen Zauber. Und auf manchen von ihnen stehen Häuser, landwirtschaftliche Gehöfte, sogar eine Kapelle findet man.
Eine Gruppe solcher bewohnten Inseln befinden sich vor Port Blanc und Buguélés.
Es ist anzunehmen, dass hier eine zusammenhängende Landmasse existiert hatte, wie es allerdings oft in den flachen Buchten vor der Bretagne der Fall ist. Beweise sind manchmal megalithische Stätten, die bei Flut im Wasser versinken. Wir können davon auszugehen, dass die Errichter dieser Steine keine nassen Füße bekamen, damals vor 4000 oder sogar 5000 Jahre.

Das Archipel

Das Archipel aus Richtung Port Blanc, links Saint Gildas
Hier an diesem Küstenabschnitt gibt es unzählige Inseln und Steinhaufen. Der Boden dazwischen ist bei Ebbe begehbar, sogar mit dem Auto kann man dort fahren. Die gesamte Anse de Gouermel, die Bucht zwischen den beiden Weilern Buguélés und Port Blanc, ist bei Ebbe zu Fuß zu durchqueren.
Eine Frau, die ich einmal bei ihrem Ferienhaus in der Nähe des Castel meur kennenlernte, erzählte mir, dass sie Wanderungen von dort bis Port Blanc machen - quer über den Meeresboden. Sie müssten nur genau die Zeiten einhalten und sich am Ziel nicht zu langen aufhalten, sonst könnten sie auf dem Rückweg Probleme bekommen. Und außen herum auf dem Land ist das ein guter Tagesmarsch, keine gute Idee, dazu gezwungen zu sein.
Bei einer dieser Wanderungen hatten sie und ihr Mann wohl auch die Eigentümer der Enez Illiec kennengelernt. Offensichtlich hatten sie sich nicht ganz an die Regeln der Inselgrenzen gehalten. Seien aber nette Leute, meinte sie, diese Champagnerfabrikanten.
Die meisten der besiedelten Inselchen gehören zu Buguélés, einem Ortsteil von Penvénan.  Gegenüber des kleinen Hafens mit den Fischerbooten befindet sich die Île Balanec und die kleine Île Ozac'h, dazwischen befindet sich eine Moulin marée, eine Gezeitenmühle. Man wusste schon immer die Kraft des Wassers zu nutzen. 

Île de Marquer

Gebäude auf der Île de Marquer
Manche Inseln werden bewirtschaftet. Viehzucht, aber auch Ackerwirtschaft werden dort betrieben. Auf den meisten wurde die Bewirtschaftung jedoch aufgegeben. Realistisch gesehen kann es auch nicht wirtschaftlich sein, diese Inseln heute noch zu bewirtschaften.
Ebenfalls auf der Île de Marquer
Doch meine Vermieterin erzählte mir, dass ihr Vater in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, also während der deutschen Besatzungszeit, auf Saint Gildas als Landarbeiter gearbeitet hatte.
Auf der Île de Marquer, die zweigeteilt ist, sieht man auf Google Earth auch heute noch einen Acker. Die Insel liegt im Westen von Buguélés, an der kleinen Bucht, die es von Port Blanc trennt. Auf dem winzigen Zipfel Festland, der hier ins Meer vordringt, steht ein aktiver Bauernhof. Zur Insel hinüber sind es nur wenige Meter. Anzunehmen, dass der Acker von dort aus bewirtschaftet wird. Über die beiden Gebäude auf der Insel gibt es keine Informationen.
In der Bucht wird der Tang gesammelt und getrocknet. Der Tang dient als Dünger, wird aber auch wie Algen allgemein von der Kosmetikindustrie verwendet.

Privatinseln

Felsen mit Seezeichen am Rand von Saint Gildas
Doch schon damals um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert hatten sich reiche Künstler, Schriftstelle, Maler, auch Wissenschaftler auf den Inseln niedergelassen.
So gehörte Saint Gildas, die größte Insel des Archipels, in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts dem Nobelpreisträger für Medizin, Dr Alex Carrel.
Über Dr. Alex Carrel fand ich Informationen - und wenn man liest, dass er einen Posten im Gesundheitsministerium des Vichy-Regimes hatte und einige Ansichten der Nazis vertrat, versteht man, warum die Universität von Lyon 1994 ihren Namen änderte. Mehr muss man nicht auf seine Person eingehen, das würde den Zauber der Insel stören. Er hatte den Nobelpreis bereits 1912 erhalten. Lassen wir ihn ihm. 

Enez Illiec


Enez Illiec mit dem Lindbergh-Haus

Carrel war Freund, Mentor und Mitarbeiter von Charles Lindbergh, dem Flieger. Als Charles und Anne Lindbergh die Carrels auf ihrer Insel besuchten, waren sie - wen wundert es - fasziniert von der Atmosphäre, dem Land, dem Meer und den Felsen. Sie entschieden sich, das Haus auf der Enez Illiec zu kaufen. „Enez“ ist das bretonische Wort für „Insel“. Dieses Haus war 1876 vom Musiker und Komponisten Ambrose Thomas, der die Oper 'Mignon' komponiert hatte, gebaut worden. 
Enez Illiec bei Ebbe
Die Lindberghs wohnten nur von 1936 bis 1939 auf der Insel. In der Zeit pflanzten sie 500 Zypressen und 500 Pinien. Dank dieser Aktion ist das Inselchen auch heute noch bewaldet. Das Haus hat einen kleinen Turm auf der einen und eine Kapelle auf der anderen Seite. Lindberghfans – Fans der frühen Fliegerei – pilgern heute noch hierher und werden durch die großen Schilder, die das Betreten der Insel untersagen, abrupt gestoppt. Ich bin sicher, nicht jeder lässt sich davon abhalten, die Insel zu betreten, wenn das Haus geschlossen ist.
Nachdem ich schon auf dem Contentin den „Lindbergh Plage“ (in der Nähe von Portbail, südlich von Cherbourg) entdeckt hatte, fand ich es nun schon interessant, hier das Haus zu finden. Die Lindberghs lebten nur diese drei Jahre hier, dann wurde die Situation in Europa zu unruhig, und sie kehrten in die USA zurück. 
Heute gehört diese Insel der Champagner-Familie Heidsieck. 

Saint Gildas

Der Weiler auf Saint Gildas mit dem Seezeichen
Saint Gildas, die größte Insel des Archipels, gehört heute einem belgischen Industriellen und kann wie alle Privatinseln nur bis zum Rand der höchsten Flut betreten werden.
Ein besonderes Spektakel findet dort jährlich im Juni statt: Der Pardon der Pferde. 
Das Seezeichen zeigt die Ecke zum Hafen von Port Blanc an

Pardons sind die Wallfahrten, die jedes Jahr für jeden einzelnen der vielen bretonischen Heiligen stattfinden. Meist werden in den jeweiligen Orten Statuen dieser Heiligen unter Absingen frommer Lieder und dem Verteilen von Weihrauch und -wasser herumgetragen. Und es wird gefeiert.
Die Kapelle auf Saint Gildas
Hier auf Saint Gildas ist es ein Pardon der Pferde. Es wird seit dem 18. Jahrhundert durchgeführt. Es geht die Geschichte, dass vor sehr langer Zeit - in den dunklen Zeiten - alle Pferde des Kontinents durch eine schreckliche Krankheit fast ausgerottet wurden. Nur die Pferde auf der Insel überlebten, weil Saint Gildas sie geschützt hatte. Schön, dass Heilige immer so angenehme Wunder verbringen.
Gebäude auf Saint Gildas
Aus diesem Anlass überqueren jedes Jahr die Pferde der Gegend mit ihren Reitern unter großem Hallo die Bucht. Auch Fußgänger besuchen dann die Insel, es werden sogar Transporte mit Karren angeboten. Es ist der einzige Tag, an dem die Insel betreten werden darf. In der Kapelle wird des Heiligen gedacht, es wird gefeiert, und dann geht es zurück über die Bucht, über den Kieseldamm, zu Fuß, mit dem Karren oder im Galopp auf den Pferden. Die Zeiten sind genau vorgegeben. Das Zeitfenster lässt etwa vier Stunden - zwei davon zwischen Hoch- und Niedrigwasser, und spätestens zwei Stunden nach der Ebbe sollten die Feiernden wieder auf dem Festland sein, sonst gibt es nasse Füße.

Hier ist eine nette PDF-Doumentation mit vielen Fotos von diesem Ereignis: Pardon der Pferde

Samstag, 21. September 2013

Grève Blanche

Grève Blanche nennt sich dieser Teil von Trégastel Plage, in dem ich wohne. Grève Blanche ist der kleine Strand, der sich genau nach Westen, ins offene Meer, wendet.
Vor der Grève Blanche liegen drei Inselchen. Die Île Tanguy als südlichste, ich habe von ihr berichtet. Im Norden, durch einen natürlichen Damm aus Sand mit dem Festland verbunden, ist Île Lapin, die Kanincheninsel. Und westlich davon liegt die Île de Seigle. Eigentlich sind es drei Inseln, doch die Schluchten dazwischen sind nicht immer überflutet. Oder besser, die drei Teile werden nur bei Grande Marée völlig voneinander getrennt.
Bei Ebbe ist die Insel zu Fuß zu erreichen. Man tut aber gut daran, die Zeiten im Augen zu behalten. Denn wenn das Wasser zurückkommt, fließt es zwischen dem Festland und der Insel wieder zusammen, lange bevor der Sand dazwischen überflutet wird. Und dann bekommt man mindestens nasse Füße.
Gréve Blanche, rechts Île Lapin, links Île de Seigle
Sportlichen Menschen gelingt es, von der dem Festland zugewandte Seite über die Felsen auf die Insel zu gelangen. Auch können diese akrobatischen Menschen die einen der beiden anderen Inselteile beklettern. Ich gehe lieber den sicheren Weg zwischen den Inseln auf den vorderen Teil. Auch da ist noch genügend Kletterkunst gefordert. Unsicher auf den Beinen sollte man nicht sein.
Auf dem Sand und am Rand der Insel ist wieder Pêche à pied angesagt. Überall stehen dunkle Silhouetten herum, kauern sich in den Sand, buddeln und sammeln. Ich gehe zwischen ihnen hindurch, verhindere, dass der Hund sich zu sehr für die Beuten interessiert. Als er mal in einen Eimer hineinschnuppert, schaue auch ich hinein und wende mich schnell ab. Darin findet ein Gewusel von roten Würmern statt. Angelköder. Bin ich froh, dass ich nicht angeln muss.
Dann bin ich, nach einem großen Schritt über den Tanggürtel, den das Wasser hinterlassen hatte, an den ersten Felsen der Insel angekommen. Die Senke zwischen den Inselteilen ist voller einzelner Felsen, auch Kieselsteine liegen herum, dazwischen Alten, Tang und Pfützen mit sandigem Grund. In den Pfützen schimmern farbige Schnecken, Kieselsteine und Pflanzen. Der Meeresboden unter Wasser ist bunt und glänzend, wunderschön.
Dann beginnt der Untergrund ganz felsig zu werden. Hier beginnt der Aufstieg auf den vorderen Teil, der Aufstieg, der keine akrobatischen Kunststücke verlangt.
Geheimnisvoll
Oben stehe ich auf Heide. Teilweise blüht es noch, teilweise ist es vertrocknet. Dazwischen Pfade, gerade breit genug für einen Fuß. Die Insel wird im Sommer sicher öfter besucht, was dem Untergrund und dem Bewuchs nicht gut tut, aber offensichtlich hält es sich in Grenzen, die Wege sind wirklich schmal, die Heide wächst dick und kräftig. Vorsichtig gehe ich nach links, nach Norden, bis ich am Felsenrand bin.
Ich bin absolut allein auf dem Inselchen. Und auf dieser, dem Meer zugewandten Seite, sehe ich auch die Menschen unten auf dem trockenen Meeresboden nicht. Mein Hund und ich existieren, sonst nichts und niemand. Außer den Vögel, die über dem Wasser ihre Gleitflüge machen oder unten zwischen den Felsen nach Futter suchen. Sie und wir beleben die Welt.
Ich suche mir einen bequemen Felsen, etwas windgeschützt, und setze mich hin. Ich blicke in die Ferne. Gegenüber sind die 7 Inseln, die so viel mehr als 7 Inseln sind - les Sept Îles. Auf der größten ist das normannische Fort auf der einen und der Leuchtturm auf der anderen Seite zu erkennen, Île aux Moines wird sie genannt, die Insel der Mönche. Sie ist die einzige, auf der Touristen von den Booten losgelassen werden können. Von meinem letzten Ausflug dort hin, der schon fast 10 Jahre her ist, weiß ich, dass auch dort Fußwege angelegt sind. Der Bewuchs ist durch niedere Drahtabschrankungen geschützt. Es ist nicht mehr möglich, kreuz und quer von der Anlegestelle der Ausflugsschiffe unterhalb des Leuchtturms zum fort auf der anderen Seite zu gehen. Gut für die Natur, schlecht für die Besucher - und deshalb war ich seither nicht mehr dort.
Die anderen Insel dürfen überhaupt nicht betreten werden, es ist im Interesse der Vogelwelt verboten. Wenn man bei einem Ausflug mit dem Schiff Glück hat, bedankt sich irgendwo ein fauler Seehund dafür, indem er mit der Flosse freundlich herüber winkt, ansonsten aber nicht weiter in seinem Schläfchen gestört werden will.
Auf der runden Insel ganz im Osten blinkt es weiß herüber - Guano von der Basstölpelkolonie. Dort gibt es auch eine Videokamera der ornitologischen Station auf der Île Grande.
Île Rouzic - Webcam

Ich sitze und sauge in mir auf. Das Gefühl, alleine auf so einer Insel zu sitzen - auch wenn diese im Moment eigentlich gar keine Insel ist - ist unbeschreiblich. Es ist, als schwebe man im Universum. Der Rest der Menschheit findet nicht statt. Nichts findet statt. Nur das Meer, die Wellen, der Wind und dieser unendliche Blick in die Ferne. Bin ich in eine andere Dimension eingetreten?
Die Stille ist hörbar. Es gibt keine Geräusche, mit denen man sonst unablässig konfrontiert ist. Keine Stimmen, keine Motoren, kein Klappern, kein Rascheln. Es ist die absolute Stille, die es nur zu diesem Zeitpunkt geben kann. Denn im Moment ist auch das Meer stehengeblieben.

Turn of the Tide - im Hintergrund die Île des Moines
Der Tiefpunkt des absoluten Niedrigwasser ist erreicht. Etwa eine halbe Stunde bleibt das Meer auf diesem Stand. Jeden Tag zwei Mal bei Ebbe, zwei Mal beim höchste Stand. Dann scheint auch die Zeit stehen zu bleiben. Wie eine Decke liegt die Ruhe in der Luft. Nicht einmal ein Windhauch ist zu spüren.

Freitag, 20. September 2013

Castel meur oder was tut das Auto da?

Hier an dieser Nordküste gibt es einige Fotomotive, die die Bretagne bekannt gemacht haben. Dazu gehört das Chateau Costaere, der Leuchtturm von Ploumanac'h und natürlich das kleine Haus zwischen den Felsen, Castel meur.
Dieses kleine Häuschen ist bekannt wie ein bunter Hund. Es wurde Millionen Mal fotografiert. Ganze Fotokurse wurden jedes Jahr hierher gekarrt, um das Haus fotografieren zu lernen. Dann standen sie mit ihren digitalen Spiegelreflexkameras auf Stativen am Rand der Lagune, die das Häuschen vom Weg trennt, und fotografierten, was das Zeug hält.

Castel meur fotogen
Doch die Fotokursguppen sind verschwunden. Man findet keine Postkarten von diesem Motiv mehr und in Kalendern taucht es nicht mehr auf. Findet man es in einem Bildband, dann ist dieser schon ziemlich alt. 
Aber jeder Tourist, der zum ersten Mal hierher kommt, zückt weiterhin das Smartphone, die kleine kompakte Kamera oder die DSLR, auf die er so stolz ist, um dieses begehrte Motiv ein weiteres Mal auf die Platte zu bekommen. Und das meist aus genau dem selben Winkel wie die anderen, den sehr viele Alternativen gibt es nicht.
Auch ich habe über die Jahre unzählige Fotografien des kleinen Hauses gemacht, denn ich gebe zu, es reizt einfach, hier ein Foto zu machen.
Und heute bin ich auch gezwungen, wieder auf den Auslöseknopf zu drücken. Denn das Häuschen präsentiert sich, wie es sich seit langem nicht mehr präsentiert hatte. Es steht kein Auto davor.
Erbaut wurde das kleine Häuslein 1861. Seither trutzt es mit dem Rücken Wind und Wellen. Damals gab es noch keine Bauvorschriften, und man konnte verrückt bauen. Der Konstrukteur dieses Hauses war wohl etwas verrückt. Es braucht viel Liebe zum Meer und seinen Launen, um hier zu leben - vor allem im Winter. Der Erbauer lebte hier sogar einige Jahre und grub währenddessen von Hand auch die beiden Teiche aus, der eine vor dem Haus, der andere etwas westlich davon.
Seine Erben nutzten das Haus später nur noch gelegentlich, wenn das Wetter schön war. Ende des 20sten Jahrhunderts kamen die Besitzer nur noch alle zwei oder drei Jahre zum Haus. Das Haus war in Gefahr, zu  zerfallen. Da lernte ich es kennen.
Die jetzige Besitzerin, eine Urenkelin des alten Besitzers, verließ Treguier, wo sie geboren wurde, um in Amerika ihr Glück zu machen, und zog nach dem Verkauf ihrer Firma im Jahr 2004 in das Häuschen.
Über die Jahre hatten die Tourismusexperten Castel meur als Wahrzeichen dieser Region aufgebaut. Diese Landspitze mit dem Castel meur wurde das Emblem von Plougrescant. Es wurde weltbekannt. Man sah es nicht mehr als Privateigentum, sondern als allgemein zugängliche Sehenswürdigkeit.

Busladungen von Touristen kamen. Es war der Höhepunkt des Tages, dieses kleine Häuschen. Und wenn japanische Touristen verzweifelt ein originelles Souvenir suchen, dann klettern sie auch schon mal für ein Erinnerungsfoto auf das Dach des Häuschens, was dem nicht gut bekam.
Der Schaden, den diese Menschenmassen und ihre Rücksichtlosigkeit verursachten, brachten die Eigentümer dazu, ihr Haus schützen zu wollen. Sie setzten gerichtlich durch, dass sie ein "Eigentum auf das Bild" ihres Hauses erhielten. Das bedeutet, jegliche kommerzielle Darstellung des Castel meur ist seither untersagt. Und damit wird man keine Postkarte, keinen Kalender und keine der beliebten Tabletts, Mauspads, Tischsets und ähnliche interessante Dinge, die es mit Fotos in den Souvenirläden gibt, finden. Dieses Glück ist damit auf Chateau Costaere, Phare de Mean Ruz und andere schöne Dinge beschränkt. Wollten Sie schon immer mal in einer Postkarte leben? Ich nicht. Deshalb verstehe ich die Eigentümer des Castel meur. 
Castel meur - die Bewohner sind zu Hause
Und deshalb steht seit einigen Jahren - ich vermute damit seit genau 2004 - immer ein Auto vor dem Haus. Das tolle Fotosouvenir ist damit beschädigt. So wie auf diesem Foto, das ich mache, als ich zurück zum Parkplatz gehe. 

Räumlich verhindert eine Mauer den Zugang zum Häuschen weit über die Grenze des Privatbesitzes hinaus, doch das hat andere Gründe. Sie wurde von der LPO (Ligue pour la Protection des Oiseaux - Vogeschutzliga) veranlasst. Denn es soll verhindert werden, dass die Horden von Touristen weiterhin unbekümmert in diese Naturräume eindringen.
Zwischen den Kieseln am Ufer nistet ein seltener Vogel. Der Regenpfeifer. Aber es muss nicht nur geschützt werden. Das ganze Gelände ist in Gefahr, vom Hochwasser überflutet zu werden, weil skrupellose Touristen die großen Kieselsteine als Souvenir mit nach Hause nehmen. Ein Stein macht nichts, aber wenn jeder dieser Tausenden von Menschen einen einsteckt, gibt es den Schutz sehr schnell nicht mehr - ein Problem, das überall da, wo diese großen Kiesel das Land schützen, auftritt. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts sammelten die Anwohner die Steine, u.a. für den Hausbau. Heute sind es die Touristen, die ein Souvenir wollen.

Im März 2008, als dieser große Sturm viel von der Küste beschädigte und einiges zerstörte, hätten fast die riesigen Wellen Castel meur zerstört. Mit extremer Höhe und ungeheurer Gewalt zogen sie die Kieselsteine über die 150 Jahre alte Mauer. Fast einen Meter hoch schoben sich die Steine dort zusammen.
 Ein weiteres Fotomotiv, das noch legal verwendet werden kann, befindet sich am Ende der Landzunge. Ein Pfad wurde im geschützten Gelände gelegt, damit die Touristenmassen es erreichen. Es handelt sich um das zweite Wahrzeichen von Plougrescant: Le Gouffre - der Abgrund.
Als ich hier zum ersten Mal war - ich denke, es war in 1999 - konnte ich noch kreuz und quer über die Felsen und durch die Heide gehen. Doch wie überall, wo Touristenmassen durchlaufen, haben die Bemühungen der Naturschützer, die Küste vor der Erosion zu schützen - und natürlich auch um den seltenen Vogelarten eine Chance zu geben - dazu geführt, dass die Freiheit der Gäste eingeschränkt wurde. Schon im nächsten Jahr traute ich meinen Augen nicht, als ich gezwungen wurde, mich auf den damals neu angelegten Pfaden zu bewegen. Auch le Gouffre selbst, diese gewaltigen Felsen mit dem Abgrund in ihrer Mitte, in dem bei Hochwasser die Gischt brodelt und man einen Eindruck vom Eingang zur Hölle haben konnte, war nicht mehr frei zu beklettern. Man konnte und kann noch immer hochklettern, aber nicht mehr überall.

Bei meinem ersten Besuch stand vor den Felsen in einer Felssenke, die zum tobenden Wasser führte, ein Tisch aus Stein, auf den ein Pentagramm und andere interessante Zeichen gemalt waren. Es war klar, was hier stattgefunden hatte. Hexen hatten sich getroffen. Ich fand das damals amüsant. Doch ein Jahr später war der Tisch noch zu sehen, aber man konnte ihn nicht mehr erreichen, genau so wenig wie die Schlucht zwischen den Felsen, den wahren Abgrund.

Das sind die Nachteile des Naturschutzes. Meine erste Reaktion damals war: Da wird aus der Bretagne ein Freizeitpark gemacht - aber das Gegenteil ist der Fall. Nicht die Natur wird künstlich eingesperrt, sondern der Mensch wird gezwungen, draußen zu bleiben. Und das ist nicht nur wegen der Vögel notwendig, sondern auch wegen der Pflanzen, die verhindern, dass die Küste abgetragen wird. Wenn Millionen von Füßen die Erde zusammentrampeln und nichts mehr wachsen kann, dann hat der Wind leichte Beute. Er trägt die Erde ins Meer - die Felsen werden freigelegt und können an vielen Stellen auch ins Rutschen kommen.
Seit diesen Anfängen hat der Küstenschutz sehr große Fortschritte gemacht. Pointe du Raz, der südliche Zipfel der Halbinsel Bretagne, ist ein gutes Beispiel, auch diese Landspitze hatte ich noch frei zugänglich erlebt. Heute sind schon die Parkplätze weit ins Innere verbannt - und auch dort darf man nur noch auf Wegen gehen.

Donnerstag, 19. September 2013

Île Grande - die erste Umrundung


Die Île Grande ist über eine kurze Brücke mit dem Festland verbunden. Eigentlich merkt man nicht, wenn man von der Küstenstraße von Trégastel nach Trébeurden rechts abbiegt, dass man auf eine Insel fährt, vor allem bei Ebbe sieht man erst einmal kein Wasser.
Doch es ist eine Insel.
Ein Küstenweg führt um sie herum, der mit 7 km angegeben ist. Wer nun denkt, man schafft ihn in knapp 2 Stunden, hat sich geirrt. Es gibt Leute, die schaffen die Umrundung schneller, sehen dabei jedoch nichts außer die Beschaffenheit des Pfades, auf den sie ihre Füße knallen. Der Küstenweg ist eine beliebte Joggerstrecke. Über die Mittagzeit traben die Runde. Dabei müssen sie auf dem teilweise sehr schmalen und unwegsamen Pfad ziemlich auf ihre Füße achten, sonst können sie schnell längere Zeit gar nicht mehr gehen.
Ich aber gehe den Weg - zwar nicht gerade gemächlich, aber doch ruhig und mit Genuss. Ich sehe beim Gehen. Mehrmals werde ich während meines Aufenthaltes diese Insel umrunden. Ich mache das jedes Jahr - und es ist nie langweilig.



Die Insel und die kleinen Inseln oder besser Felshäufen um sie herum wurde einst abgebaut. Der graue Granit wurde herausgehauen und aufs Festland gebracht. Man erkennt die Steinbrüche, teilweise auf der Insel, teilweise am Felsenrand. Oft liegen auch große Quader am Wegrand, in denen man die Narben der Werkzeuge, die die Steinhauer benutzten, sieht. Auch die kleinen, unbewohnten Nachbarinseln haben diese Narben. Das Steinehauen war ein hartes Geschäft. Die Männer mussten bei Wind und Wetter die Steinquader heraushauen und, abhängig von den Gezeiten, an Land schaffen. An manchen Stellen sieht man noch die metallenen Schienen der Loren, die sie wohl irgendwann zur Hilfe hatten.
Das Denkmal für die Steinhauer
Seit einigen Jahren ist nun an der Nordküste, neben einem der Steinbrüche, der senkrecht ins tobende Meer hinunterstürzt, den Steinhauern ein Denkmal gesetzt.
Ich beginne meinen Rundweg an der Segelschule. Warum da fünf Feuerwehrautos, schön poliert und ordentlich aufgereiht, stehen, entzieht sich meiner Kenntnis, hübsch anzuschauen sind sie. Ich parke halt in der vorderen Reihe.
Dann laufe ich los, im Uhrzeigersinn. Vielleicht werde ich ein anderes Mal anders rum laufen oder an einem anderen Parkplatz beginnen - doch auch ohne solche kleinen Abwechslungen wird diese Insel nicht langweilig.
Ich habe sie für mich in einige Etappen eingeteilt, die tatsächlich ziemlich unterschiedlich sind. Von der Segelschule geht es zuerst an der Ostküste entlang durch ein Kiefernwäldchen, Dünen und Gras. Gegenüber liegt Landrellec und dazwischen die Île d'Aval, die Apfelinsel, wie viele Inseln im Privatbesitz. Sie wird für das bretonische Avalon gehalten. Artus soll auf ihr beerdigt sein. Bei Ebbe könnte man hinüber laufen, was ich auch schon mal getan habe, doch es ist verboten, Inseln im Privatbesitz zu betreten. Die Hochwassergrenze ist die Grenze des Privateigentums. Was mich nicht hindert, trotzdem solche Inseln zu betreten, wenn dort niemand ist. Doch auf der Île d'Aval war ich nur damals 1987, als wir zum ersten Mal in der Bretagne waren. Sie hat sich inzwischen sehr verändert, wurde von einem Kartoffelacker in ein parkähnliches Gelände verwandelt. Ein Haus wurde etwas verborgen hinter Kiefern gebaut. Das sieht man durch das Fernglas. Als es noch den Kartoffelacker gegeben hat, sah man auch einen Menhir und ein altes Steinkreuz. Beide sind noch vorhanden, nur nicht mehr so gut zu sehen. Es geht die Sage, dass eines von beidem Artus Grab sei - welches, darf erraten werden... Ich tendiere zum Menhir.  
Die nächste Etappe fängt an einem kleine Parkplatz an und führt zuerst einige Meter an einer kleinen Straße entlang, die von der Zufahrtstraße abbiegt. Diese Strecke ist die einzige, bei der der Hund an die Leine muss. Wenn die Zufahrtstraße überquert ist, geht es entlang des verlandeten und nur bei hohen Koeffizienen wirklich überspülten Gebietes zwischen Festland und Insel. Einige Zeit läuft man an den Häusern entlang, deren Gärten bis zum Wasser oder besser den Pfad reichen. Der Ort ist geschützt auf der Festlandseite gebaut, eingeschmiegt in die Höhen, die sich gegen Norden richten.
Auf der höchsten Höhe gibt es eine schöne Allée couverte - ein Tumulus.
Doch um den zu sehen, müsste ich innen durch die Insel  hinauf auf die Höhe gehen. Oder ein anderes Mal mit dem Auto hinfahren.

Sonntag, 15. September 2013

Île Tanguy

Als ich aufwache, weiß ich erst einmal nicht, wo ich bin. Oder besser, ich kann es nicht fassen, dass ich hier bin. Ich bin unsäglich glücklich.
Die Sonne scheint - Grund genug, aufzustehen und das umzusetzen, was ich mir für diesen ersten Tag vorgenommen hatte.
Mein Haus liegt etwas zurückgesetzt am Ende eines Zipfels von Trégastel Plage, genau genommen ist es eine Halbinsel, da auf drei Seiten vom Meer umgeben. Links gegenüber im Südwesten liegt die Halbinsel von Landrellec, davor die kleine Insel Tanguy. Und zu der wollte ich heute gehen. Das hatte ich mir seit langem vorgenommen. Letztes Jahr war ich nicht ein einziges Mal drüben gewesen, da von Anfang an das Wetter zu schlecht gewesen war.
Heute jedoch ist es gut - zumindest noch.
Die Bucht ist frei, zumindest Richtung Landrellec. Ich weiß von gestern, dass das nachmittags Hochwasser sein würde. Einen Zeitplan würde ich erst morgen im Centre Touristique erhalten können.