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Samstag, 21. Oktober 2017

Geschichte eines Strandes - das Finale. Hoffentlich

2017

Es ist vollbracht. Die Böschung ist tatsächlich mit Steinen gesichert.
Bei der Ankunft im September

Grande Marée ist am Samstag, 7. und Sonntag, 8. Oktober. Zärtlich umspülen die Wellen die Steine.




Das Meer war unruhig, aber es gab keinen Sturm. 
Mit dem Sturm am 21. Oktober 2017 bei einem Koeffizienten von 92 und einer Tidenhöhe bei Hochwasser von 10 m beweist sich, dass die Steine ihren Zweck erfüllen. Hier einige Eindrücke beim Wasserhochstand am Morgen.

Der Wind ist heftig - die Gischt fliegt. Das Meer ist ziemlich unruhig. Doch die Sonne scheint.
Ist schon was schönes, so unruhiges Meer

Das Wasser kracht auf die Steine.
 Wären die Steine nicht an der Düne, wäre selbst bei diesem relativ harmlosen Sturm bei noch lange nicht dem höchsten Koeffizienten der Sand schon wieder weggespült worden.
Angriff und Abwehr
Nun hat es also 10 Jahre gebraucht, bis eine Lösung gefunden wurde, die Düne und damit auch die darauf stehenden Häuser zu schützen. 10 Jahre Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für die städtischen Arbeiter, 10 Jahre Kosten für die Hausbesitzer. Und das, wo jeder Laie schon im ersten Jahr gesehen hatte, dass es keinen anderen Weg als diesen, der nun gefunden wurde, geben konnte.

Montag, 31. Oktober 2016

Die Geschichte eines Strandes - Teil 3


Fortsetzung des Dramas von 2014 bis 2016

Die Geschichte des kleinen Strandes geht weiter. Jedes Jahr ist es spannend, wie er sich wieder verändert hat.
Den schlimmsten Zustand hatte er im Jahr 2014 erreicht.

2014

Als ich am dritten Wochenende im September 2014 in Trégastel ankomme, ist das Wetter herrlich, as Meer ruhig und der kleine Strand unterhalb der sieben Häuser wunderbar aufgeräumt, eine Sandschicht liegt sauber über der Böschung. Wie eine Düne im Sonnenschein, könnte man meinen.

Nur der Abbruch am Rand oben erinnert an die Vergangenheit

Winter 2013/2014

Doch die Geschichte des kleinen Strandes hatte sich dieses Jahr mit einer Tragödie fortgesetzt.

Um den Jahreswechsel war ein Sturm nach dem anderen über die Bretagne gefegt. Selbst die Presse Deutschlands, sonst nicht sehr informationsfreudig, was Neuigkeiten aus der Bretagne angeht, berichtete über diese Wetterkapriolen. Ganze Städte wurden überflutet, da die Flüsse aus dem Landesinnern Hochwasser trugen. Und die Stürme zerstörten zusammen mit den Brechern aus dem Meer ziemlich viele Küstenwege.
Mir fällt irgendwann auf meinen Wanderungen entlang der Küste auf, dass die Landmasse der Bretagne abgenommen hat. Es fehlen Stücke. Sie waren damals während des Jahreswechsels wohl ins Meer gespült worden. In Landrellec fehlt der Amboss - das riesige, tonnenschwere Stück Felsen, das wie der Amboss einer Schmiede geformt war. Er ist einfach verschwunden. Und das Stückchen Halbinsel, vor dem er in dem Steinechaos gestanden hatte, durchaus immer mal wieder bei Hochwasser umspült, ist kleiner, der Grasstreifen sehr schmal geworden. Der Küstenweg zurück nach Trégastel hat sich ebenfalls wieder an einigen Stellen verändert. Es ist ein bisschen wie diese Bilder auf Rätselseiten - zwei identische Bilder mit kleinen Unterschieden, die man zu finden hat. Das alte Bild ist in meiner Erinnerung - das neue vor meinem Auge - was hat sich seit letztem Jahr verändert? Mir fällt bei dieser Gelegenheit auf, dass ich diese Küste mit all ihren Buchten, Biegungen, Felsen und Grasnarben so oft gesehen habe, dass ich wirklich oft kleine Unterschiede erkenne. Doch es gibt auch welche, die für jeden deutlich sind. Der Weg vom Hafen von Landrellec um die Landnase herum, gegenüber liegen die Île d'Aval und die Île Grande - ist schmal geworden, es fehlt zum Wasser hin ein Stück - und sogar ein Schutzzaun wurde einige Meter gezogen, ein Zeichen, dass es wirklich ganz schlimm um diesen Pfad gestanden haben muss.

Ganz schlimm hatte es auch wieder den kleinen Strand - die Grève Rose - getroffen. Meine Vermieterin hatte mir nach den Stürmen im Winter Fotos geschickt.
Die Wucht der Wellen haben auch die massive Natursteinblöcke unterspült.

Ende Dezember 2013 wurde der kleine Strand, der genau in Richtung Westen schaut, wieder richtig von den Brechern und dem Sturm getroffen.

Nun sind die Gärten mit den Sträuchern angenagt. 


Der Gartenzaun hat auch nachgegeben. Ah - und Hund Samba muss die Sache genau betrachten
Sandsäcke machen die Sache mal wieder höchst attraktiv. 
Das Chaos ist groß, die Grundstücke der Häuser oben werden kleiner.

Montag, 22. September 2014

Montag - Markttag

König Gradlons Krone
Letztes Jahr hat es ja nicht so ganz geklappt, weil es geregnet hatte, aber dieses Jahr will ich es wieder tun - diese erste Runde um Trégastel Plage. Hinauf auf die Krone von König Gradlon - hinunter zum Markt, ein Abstecher in die Toursteninformation, um einen Plan Marée zu erhalten. Dann die Umrundung der Presqu'île Renôte, schließlich Muschelessen am Forum.

Der erste Abschnitt klappt ganz gut - dieses Mal nur mit der normalen Leine, denn es wird kaum Gelegenheiten geben, richtig frei laufe zu können. Oben auf der Krone lass ich das Hundchen dann doch frei, wir sind ganz alleine. Ich nehme ihn wieder zu mir, als wir zur Straße kommen.

Blick über die Zacken
Dann geht es hinunter in das Städchen. Und es wird anstrengend. Ich glaube, so schnell war ich noch nie durch den Markt hindurch. Der kleine Hund ist einfach viel zu interessiert an allem. Und hier riecht es dann auch noch überall so gut. Dennoch - anstrengend, aber wieder eine gute Übung für den Kleinen. Stände gab es ohnehin schon nicht mehr so viele interessante. Und kaufen hätte ich nichts können, das verhinderte Herr Hund.

Ein Frühstückscrêpe mit Caramel mit gesalzener Butter an einem Stand kann ich mir aber doch noch leisten.

Dann gehe ich zur Île Renôte. Sie hat sich nicht verändert. Ich gehe rechts herum, an der Landseite zuerst. Und genieße es. Mir kommen einige Menschen entgegen, es ist eng - aber nun ja, sie freuen sich alle, dem Kleinen zu begegnen und haben Verständnis dafür, dass ich etwas Mühe habe, ihn davon abzubringen, an ihnen hochzuspringen.

Der Blick am Ende der Halbinsel ist auch noch wie er sein muss:


Alle kennen ihn - aber er nimmt einem immer wieder den Atem.

Der Rückweg führt an den spektakulären Felsen vorbei. Die Voyager ist noch immer gelandet. Schön, dass sich diese Steine noch lange nicht verändern werden, auch nicht mit den größten Unwettern.

Ich nenne das die "Voyager", aber offiziell ist es der Champignon.
Und am Forum üben wir dann "Essen im Restaurant". Ich lasse mir im Vorraum einen Eckplatz geben, weit weg von den anderen Gästen. Es ist zum Glück warm genug, im Freien zu essen. Dennoch - der Hund findet es langweilig, hier zu liegen, ohne dass etwas geschieht. Das tut er mehrfach deutlich kund, in dem er ein lautes "Wuff" von sich gibt. Als meine Muscheln kommen, kann ich sie jedoch ohne weitere Belästigung von unten essen. Zur Belohnung bekommt er ein paar Fritten, nachdem ich fertig war. Nicht ganz pädagogisch, ich hoffe, ich werde es nicht bereuen, aber irgendwie fair.

Der Rückweg über den Felsenweg zwischen dem Forum und der Grève Blanche ist dann schnell bewältigt. Ich habe für heute genug - der kleine Hund fragt, was wir nun tun.

Sonntag, 21. September 2014

Sonntag

Am Sonntag ist die Tide so, dass nachmittags Wasser in der Bucht ist. Also kann ich nicht meine übliche erste Inspektion der Inselchen unternehmen. Deshalb fahre ich nach Landrellec.

Es ist Sonntag - Tag der Jogger. Ein etwas schwieriges Unterfangen mit dem jungen Hund, der jede Begegnung überschwänglich begrüßen will und mit Hunden am liebsten mitlaufen würde. Ich nutze die lange Schleppleine, doch zwischen den Felsen und Wurzeln kann die problematisch sein, denn sie verhakt sich gerne. Außerdem muss ich noch mehr als sonst darauf achten, wo ich hintrete. Die Leine hat die nette Angewohnheit, sich um meine Knöchel zu schlängeln, auch eine sehr nette Sache, wenn man gerade auf unsicherem Grund geht. Die erste Begegnung haben wir da, wo der Pfad oberhalb eines kleinen Strandes über einige Steintreppen in einen Tunnel aus Gestrüpp führt. Doch dieser Aufgang und der Tunnelweg sind gesperrt, Resultat der Unwetter weiß ich sofort. Später sehe ich, dass das Wasser den Weg unterspült hatte. Also muss ich hinunter auf den Sand, was eine kleine Kletterei bedeutet. Und genau in dem Moment höre ich Keuchen hinter mir. Ich schnappe mir, schon halb auf den Steinen, die gelbe Leine, um den Hund daran zu hindern, den Jogger zu belästigen. Ich schaffe es, ohne dass ich in die Tiefe gezogen werde. Der Jogger hüpft hinunter, über den Strand und gegenüber wieder zurück auf den Weg. Ich hänge noch immer auf halber Höhe. Da kommen die nächsten, ein Paar, auch joggend, dieses Mal mit Hund. Und das bedeutet, der meine will hinterher. Ich hänge noch immer halb in den Steinen. Ich halte den Hund, die Leute samt ihrem Tier rennen weiter und verschwinden um die Ecke. Dann kommen Leute entgegen. Ich heule nun fast. Das kann doch nicht sein! Ich laufe oft hier ohne auch nur einen einzigen Menschen zu sehen, und ausgerechnet heute und hier nun das! Ich halte den Hund, der immer noch hinter dem verschwundenen Freund herhechten will. Die Leute verschwinden hinter mir. Ich lasse los, um endlich den Abstieg sicher machen zu können. Mein Hund samt Leine verschwindet hinter den Joggern mit Hund her.
Und bis ich wieder auf dem Weg oben bin, kommt mir die Frau entgegen, mein Hundchen an der Leine führend. Sie grinst. Er ist als junger Hund zu erkennen, trotz seiner Größe. Und Franzosen lieben Hunde. Ich entschuldige mich, bin aber sehr wütend. Die nächste Etappe muss mein Pubertierender in strenger Disziplin bei Fuß an der Leine gehen, was ihm nicht im geringsten gefällt. Beeindruckt ist er ohnehin nicht. Er findet das Leben viel zu schön.


Wir laufen durch les landes - die Heide - das Innere von Landrellec. Ich will über die Wiese mit den Dolmen zurück an die Küste. Doch der Farn ist noch nicht gemäht. Ich gehe trotzdem hindurch, den Pfad mit Mühe erkennend. Neben Farn gibt es dort auch Brombeerranken - und viele Spinnen. Der Hund bleibt dicht hinter mir, er ist unterhalb der Blätter, doch ab und zu macht auch er Bekanntschaft mit den Brombeerstacheln. Ich beschließe, hier erst wieder zu gehen, wenn der Farn gemäht ist.
Am Uferweg dann muss der Hund wieder streng bei Fuß gehen, denn inzwischen sind zwar die Jogger beim Frühstück, aber die Schlenderer sind unterwegs.

Den Nachmittag verbringe ich auf der Liege im Garten, während draußen auf dem Parkplatz und unten am Strand die Hölle los ist.

Samstag, 20. September 2014

Neues Jahr - neue Abenteuer

Und wieder ist September - und wieder fahre ich in die Bretagne. Es ist das dritte Wochenende, als ich ankomme. Ich bin erstaunt, wie viele Leute noch hier sind. Auf den Straßen in Trégastel herrscht Chaos, die Restaurants sind übervoll. Das Wetter ist herrlich, man kann draußen speisen. Ich speise drinnen, traditionell im Mao in Ploumanac'h. Ein Trio aus Meeresfrüchten, Austern, Bulots und Crevetten, dann Sardinen à la plancha - und schließlich den bretonischen Traum aus Apfel und Caramel. Dazu eine Tasse Cidre und einen Café als Abschluss.
Dann Ankunft im Haus. Auf dem Parkplatz davor, dem Zugang zum Strand, stehen unglaublich viele Autos. Ich packe aus und ein und bin erschöpft. Der Hund nicht, er will action. Also - raus an den Strand. Es ist Hochwasser, viel ist damit nicht möglich. Dennoch - der Hund entdeckt die Wellen. Ich habe was zu lachen.
Ich hatte schon gehört, dass der kleine Strand unter den Stürmen im Winter schwer gelitten hatte. Nun sah ich es real. Natürlich war die Böschung wieder gerichtet. Doch das Thema braucht einen neuen Post.

Der kleine Hund findet es alles toll. Wellen kann man fangen, ins Wasser hineinbeisen.
Und man kann auch mal versuchen, nach einem Stein auf dem Meeresboden zu langen - mit den Pfoten.

Mittwoch, 6. November 2013

Die Geschichte eines Strandes Teil 2


2010

Rettungsversuche
Mitte September 2010 war die Böschung dann völlig unterspült, fast bis zu den Gartenmauern war der Sand heruntergebrochen, es war nun kein schräger Hang mehr, sondern eine senkrechte Klippe, aus der Sand rieselte und von der jeder Zeit wieder große Stücke abbrechen konnten. Von der geraden Fläche, die die Gärten der Häuser bildeten, ging es vor den Mauren fast senkrecht in die Tiefe, von Pflanzen oder Rupfen war nichts zu sehen.
Attraktive Verschönerung
Der Fels unter dem Sand war noch immer nicht erreicht. Die Frage war: waren die Gartenmauern bereits auf dem Fels oder auch nur auf Sand gebaut? Noch waren die Gartenmäuerchen unbeschädigt, nur ganz links waren einige rosa Granitquader, die den Hang unterhalb der Mauern abstützen sollten, in Schräglage geraten, würden in Kürze herunterbrechen. Die Struktur des Sandhangs war die eines Felsabbruchs, wild und extrem gefährlich für diejenigen, die dort meinten herumklettern zu müssen.
Ein Band entlang des Strands hielt mit dem Hinweis auf die Gefahr die Menschen auf Abstand.
In den letzten beiden Wochen des Septembers füllten nun drei Arbeiter mit einem kleinen Bagger erneut Sandsäcke ab und stapelten sie unten am Abbruch der Böschung hinter der Absperrung. Immerhin schafften sie am Tag so etwa 8 bis 10 Säcke in unglaublicher Geschwindigkeit, indem zwei den Sack hielten, während der dritte den kleinen Bagger bediente und Sand in die weißen Tüten schaufelte – auch eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme.
Die Situation im November 2010
Als die Reihe der Sandsäcke vom einen Ende an der Ecole de voile bis zum anderen Ende des Strandes am großen Felsen geschlossen war, begannen Anfang Oktober die drei Arbeiter mit ihrem Bagger eine neue Reihe Sandsäcke aufzufüllen, die sie vor der bereits bestehenden Reihe stapelten. Dieses Mal waren es nicht nur einzelne Säcke, die wie die Soldaten nebeneinander standen, sondern eine weiter Plastikfolie wurde über sie gezogen, um sie zu verbinden. Eine interessante Konstruktion, besonders da dann auch noch Sand auf die Säcke geschaufelt wurde.
Die nächste Springflut im Oktober fand ausnahmsweise ohne Sturm statt. 


Wie die Touristen im Sommer stapeln sich die Säcke
Auch wenn ein Baum in Landrellec über die Klippe gekippt ist, woran der Wind der letzten Tage sicher beteiligt gewesen war, blieben bis zur Abreise der Chronologin die Herbststürme aus. Am Abreisetag wird zum letzten Mal in diesem Herbst die Springflut auf einen Koeffizienten von 101 steigen, was aber noch lange nicht in die Nähe der höchsten Flut mit dem Koeffizienten 116 kommt, die im März stattgefunden hatte. Vermutlich wird auch der nächste März wieder eine solch hohe Flut bringen – vielleicht dann mit Sturm. Ob dann diese großartige Zierde von  sorgfältig platzierten Sandsäcken das weitere Abbrechen der Klippe verhindern können, darf mit dem gesunden Menschenverstand derer, die keine Gelder von der EU oder aus Paris erhalten, bezweifelt werden. Eine Fortsetzung dieser Geschichte des kleinen Strandes ist damit in jedem Fall zu erwarten. 

September 2011

Der erste Blick über den Felshaufen zeigt: Nichts hat sich geändert. Die Sandsäcke stehen noch wie letztes Jahr. Die Attraktion des kleinen Strandes bilden weiterhin die Reihen der Sandsäcke. Allerdings sind sie inzwischen etwas zerzaust, Stürme und Grande Marée der letzten Monate sind nicht spurlos an ihnen vorübergegangen.

17. Oktober 2011 – ein denkbarer Tag in der Geschichte des Strandes.


Gefahr - Zugang verboten
Der Zugang ist gesperrt. Ein Gitter verhindert das Betreten des Strandes vom Felsen her – vermutlich ist auch der Zugang an der Segelschule verboten. Ein großes Schild verkündet: „Gefahr!“ Besonders interessant ist das, wenn man wie die Schreiberin dieser Zeilen den Nachmittag während Niedrigwasser auf dem Meeresboden zwischen und auf den Inseln vor der Bucht verbracht hat und eigentlich auf dem Heimweg plötzlich von der hinteren Seite des Gitters überrascht wird, das einem am Verlassen des Strandes hindert. Zum Glück ist man des Kletterns mächtig und umgeht das Gitter über den Felsen.
Sand wird umgewälzt
Am nächsten Morgen schallen dumpfe Geräusche vom Strand herauf, die eindeutig nicht das Rauschen der Wellen im heftigen Wind sein können. Da die Sonne inzwischen erst um etwa 8:30 Uhr aufgeht, ist es noch ziemlich düster, als der Hund seine Morgenrunde drehen will, die ihn über den Felsen auf den Strand führt, wo er seine ersten Geschäfte verrichten möchte, die spätestens in einer Woche beim nächsten Grande Marée im Meer verschwinden werden. Am Zugang zum Strand ist das Gitter umgefallen, doch der Hund bleibt entsetzt stehen. Auf dem Strand dröhnen Ungeheuer mit leuchtenden Augen. Drei LKW, ein Bagger, alle mit Scheinwerfer an, beschäftigen sich mit den Sandsäcken.
Nachmittags ist dann von der anderen Seite der Bucht, wo die tägliche Runde über den dortigen Küstenweg und durch die Heide im Innern stattfindet, zu erkennen, dass die Reihe der Sandsäcke aufgelöst und die Säcke zu kleinen Gruppen zusammengestellt worden war. Was am Abhang unterhalb der Häuser stattgefunden hat, ist auf die Entfernung nicht genau zu erkennen.
Ein paar Tage später wird eine Plane über den Hang gezogen, Rupfen vermutlich, um den Hang zu stabilisieren und den Pflanzen die Möglichkeit zu geben, sich anzusiedeln. Hatten wir das nicht schon?

Grande Marée Ende Oktober, kurz von Toussaint – ob alle Heiligen das wohl beobachten und ob Sainte Anne – der hier mal mindestens eine Kirche geweiht ist – oder Saint Samson, der überall seine Spuren hinterlassen hatte, helfen können? Am Freitag soll der höchste Stand des Hochwassers erreicht werden. Am Donnerstag weiht morgens vor Sonnenaufgang der Hund den neuen Abhang ein, indem er hinaufspringt und seinen Haufen ganz oben setzt, innerhalb der Absperrung. Unten war das Wasser, das bereits wieder am Ablaufen war, bis zum Hang vorgedrungen und hatte die ersten Spuren hinterlassen. Der Sand war weggebrochen, etwa in der Mitte schon wieder ein gutes Stück abgerutscht. Auch dieses Grande Marée wird ohne heftigen Sturm ablaufen, somit wird dieses Meisterwerk den Herbst wohl überleben. Doch der nächste Sturm kommt – und das nächste Grande Marée auch – spätestens im Frühjahr.

Dienstag, 5. November 2013

Die Geschichte eines Strandes - Teil 1


Grève rose 2013 vor dem letzten Sturm


Grève rose vor März 2008

2008

An dem kleinen Strand zwischen der Grève Blanche und dem Plage de Toull Bihan in Trégastel knallen die Weststürme ungebremst auf das Festland, wenn sie bei ihrem Weg über den Atlantik in Europa angekommen sind.  Nichts verlangsamt ihre Kraft, auch die kleinen Felseninseln Île de Seigle und Île Tanguy rechts und links nur ein paar Meter vor der Küste bilden eher einen Trichter, als dass sie das Land schützen.
Der Wind hat über die Jahrmillionen einen Wall aus Sand auf dem Granit, der den Sockel der Bretagne bildet, aufgetürmt. Wie die Natur diesen Sandwall erschaffen hatte, hätte sie ihn irgendwann auch wieder zerstört, wenn nicht wie so oft der Mensch den Platz verändert hätte.
Traumhafte Lage direkt am Strand - vor März 2008
Eine kleine Mauer am Rand des Sandstrandes sorgte seit Jahrzehnten dafür, dass die Wellen sich an ihr brechen und nicht weiter ins Landesinnere vordringen konnten. Nur wenige Meter weg vom Absturz des Festlandes auf den Strand, oben auf dem festen Grund des Granits, waren – wie könnte es anders sein – sieben Häuser hingestellt worden, mit Blick auf das Meer. Die Sicht dort ist phänomenal. Jeder Feriengast, der diesen Teil der zerklüfteten Bucht besucht, wünscht sich, in einem dieser Häuser wohnen zu können, als Ferienhäuser sind sie während der Saison ausgebucht, die Besitzer können jeden Preis verlangen.
Doch ganzjährig will heute, 40 Jahre nach dem Bau, niemand mehr dort wohnen, an Touristen werden die Häuser hauptsächlich im Sommer vermietet. Wer als Tourist einen Herbststurm miterlebt, schätzt dies als Abenteuer. Im Winter lassen die Stürme die Wände erbeben, und das Pfeifen in den Fenstern macht den Genuss jeglichen Fernsehfilmes unmöglich. Weihnachten dort oben ist sicher romantisch, wenn man weiß, man reist wieder ab. Die Eigentümer, die noch das ganze Jahr im größten und schönsten der Häuser gewohnt hatten, verließen ihr Haus vor etwa 8 Jahren, um weiter im Landesinnern geschützt vor dem Wind und dem Lärm des Meeres zu leben. Und näher an den Cafés, wie eine der letzten Bewohnerinnen des Viertels aus einem Haus unterhalb des Felsens erklärte.

Sturmtief Johanna

Am 10. März 2008 gab es einen heftigen Sturm. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches für diese Jahreszeit, auch nicht in Verbindung mit der höchsten Springflut des Jahres. Jedes Jahr im Frühling und Herbst finden diese hohen Springfluten statt. Und oft gibt es gleichzeitig einen heftigen Sturm, der in anderen Teilen des Landes, im Binnenland, eine Katastrophe wäre. Aber am Atlantik und am Kanal ist das normal, die Häuser und Dächer sind entsprechend gesichert, Bäume wachsen nur an Stellen, die vom Wind geschützt sind.
Diese Sturmflut im März jedoch war selbst für die sturmerprobte Küste ungewöhnlich heftig. Der Sturm war eindeutig ein Jahrhundertsturm, die dazugehörige Flut entsprechend gewaltig. Die Wellen und der Wind zerstörten viele Küstenwanderwege, unterspülten Felsen und veränderten an einem Tag die Küstenlinie. Auch das Forum von Trégastel wurde schwer beschädigt. Dort wurde das Restaurant in Einzelteile zerlegt, und Meerwasser drang in das Schwimmbad ein. Noch im Herbst 2008 waren beide geschlossen. Im Jahr 2009 schließlich hatten wohl die Versicherungen bezahlt, und Schwimmbad und Restaurant konnten nach sorgfältiger Renovierung wieder geöffnet werden.

Sonntag, 27. Oktober 2013

Schlafende Häuser


Weiße Küsten

Die Küste der Bretagne ist verbaut. Es gibt kaum einen Küstenabschnitt, an dem auf längere Strecke kein Haus steht. Fährt man mit dem Boot hinaus und schaut zurück, so gibt es Küstenabschnitte, die weiß von den Gebäuden sind, grünes ist fast nicht mehr vorhanden. Nur hohe Klippen haben der Bauwut Einhalt geboten – doch oben, direkt am Rand der Felsen, mit dem schönsten Blick über das Meer, findet man dann doch das ein oder andere Haus, die Villa, das Schlösschen.

 Ferienziel der Reichen

Die Fenster sind offen - Herbstferien
Schon Ende des neunzehnten Jahrhunderts haben nicht mehr nur Fischer und Bauern ihre kleinen Häusche
n bewohnt, auch reiche Leute aus Paris und anderen Städten bauten sich ihre Domizile ans Meer. Spektakuläre Beispiele sind das Chateau Costaere vor Trégastel, in dem heute Dieter Hallervorden residiert, oder das im Abschnitt über die Inseln genannte Haus auf der Île Illiec, das dem Flieger Lindbergh gehört hatte, das aber vor der Jahrhundertwende von einem reichen Menschen gebaut worden war.
Auf der Halbinsel Crozon, ganz am Ende, steht die Ruine des Manoir de Coecilian, das dem französischer Symbolist und Dichter Saint-Pol-Roux gehört hatte. Es war 1944 von den Deutschen bombardiert worden, seither ragen nur noch seine vier Ecktürme in den Himmel.
Solche Häuser gibt es einige. Auch hier an de Côte Granite Rose stehen einige alte Häuser, die eindeutig kurz vor oder nach 1900 entstanden sind. Doch damals standen sie einsam auf ihren Felsen. Heute sind sie umringt von Neubauten, die in den letzten Jahrzehnten entstanden sind. 

Fischer- und Bauernhäuser

Natürlich hat es immer Städte und Dörfer gegeben, die bis an die natürlichen Häfen der Küste heranreichten, die dann zu befestigten Häfen ausgebaut wurden. Auch haben Fischer immer an günstigen Stellen der Küste gebaut. Oft gibt es Ruinen von Gebäuden an Stellen, wo man sie gar nicht erwartet. Zum Beispiel hat bis 1968 auf der Île Lapin unter dem Felsen, der wie in Hasenohr geformt ist, in einer troglodytischen Behausung der Fischer Zantig gelebt. Die Mauer, die er zu seinem Schutz gebaut hat, ist noch zu sehen.
Traumlage - meist geschlossen
Auch einzelne kleine Bauern- und Fischerhäuser gibt es immer wieder. Doch letztendlich sind diese alten Gebäude so verstreut und in großen Abständen, dass die Natur dazwischen ein Chance hatte. Auch haben sich Fischer und Bauern bemüht, ihre Häuser so zu bauen, dass sie weder bei einem Sturm noch durch hohe Fluten beschädigt würden und das Leben in den Häusern selbst  bei den wildesten Wettern einigermaßen erträglich sein konnte.
Einige alte Höfe auf den Inseln sind auch mit der neuen Zeit wegen Unrentabilität aufgegeben worden, denn heute würde niemand mehr einen Kilometer vom Festland entfernt leben wollen, auf einem Felsen, an dem anzulegen selbst mit modernen Schiffen gefährlich ist, wenn ein heftiger Sturm tobt.
In der alten Zeit dachte man über Wind und Wetter nach und baute entsprechend.

Die verbaute Küste


Doch in der neuen Zeit, mit dem Tourismus, änderte sich das. Heute werden Ferienhäuser gebraucht. Und es wurde gebaut und gebaut.
Auf einem Landvorsprung steht dieses neue Haus
Als wir in 1987 zum ersten Mal die Bretagne bereisten und einmal um den ganzen Drachenkopf herumfuhren, waren wir schon damals entsetzt, wie wenig freie Küste es gab. Doch draußen am Ende der Welt, an der westlichsten Küste der Bretagne, am Oberkiefer des Drachens nördlich von Brest, waren die Dünen unbebaut und ungeschützt dem Sturm vom Atlantik ausgesetzt. Es gab unterhalb der schroffen Klippen, die für diese Küste typisch sind, in den Senken, die kleine Bäche, die ins Meer fließen, geformt hatten, diese einsamen, geheimnisvollen sandigen Buchten, teilweise nur schwer zugänglich, mit ihren faszinierenden Felsformationen, ihren Bögen, Stelen und Höhlen. 

Ein alter Ort, der sich ausgeweitet hat
Jahre später waren in den Senken bis zum Zugang des Strandes zugebaut. Die Häuser reichten bis keine 50 m an der Küste, auf den Felsen standen edle Villen in Parks. Freies Gelände gab es wirklich nur noch dort, wo man wirklich keinerlei Chance hatte, mit den Baulastern hinzugelangen.


Wenn man mit dem Schiff von der Insel Ouessant ganz im Westen auf das Festland zurück fährt, sieht man an der ganzen Küste entlang einen weißen Streifen – Häuser. Freies Gelände gibt es kaum noch – zwischen Porspoder und dem Leuchtturm von Pointe Saint Mathieu. Diese Küste geht genau nach Westen. Nur der westlichste Punkt Frankreichs, Pointe Corsen, ist unbebaut. Der Semaphore, von dem aus der Schiffsverkehr um die gefährlichen Felsen herum und zum Eingang des Ärmelkanals überwacht wird, wurde etwa 300 m von den steilen Felsen landeinwärts gebaut. 

Stürmische Küste

Das heißt, hier am Ende des Kontinents prallt das Wetter ungebremst auf das Land. Die Frühjahrs- und Herbststürme donnern mit der ungebremsten Kraft, mit der sie über den Atlantik fegten, gegen die Küste. Aus diesem Grund ist der Westzipfel der Bretagne von Natur aus karg, es wachsen fast keine Bäume auf den offenen Flächen. Die alten Granithäuser ducken sich in die Senken und haben keine Öffnungen in die Richtung, aus der der Sturm kommt.
Nun stehen dort neue Häuser. Schutzlos sind sie dem Wetter aus dem Westen ausgesetzt.
Doch im Frühjahr und im Herbst sind diese Häuser verschlossen. Sie schlafen. Denn sowohl die alten als auch erst Recht die neuen Häuser sind Ferienhäuser. Sie wurden gebaut, damit Pariser Familien oder andere Feriengäste die Sommerferien dort verbringen können. Für den Rest des Jahres sind die meisten verschlossen. Wenige werden in den Herbstferien, an Weihnachten und vermutlich Ostern geöffnet. 

Bretonische Erben

Umgebautes Bauernhaus - geschlossen
Die alten Fischer- und Bauerhäuser, die schon lange hier stehen, werden von Bretonen, die in Paris oder anderswo ihr Arbeitsleben verbrachten, geerbt. Es geht die Mär, in Paris leben mehr Bretonen als in der Bretagne selbst. Das sagt man aber auch von den Iren: Es gibt mehr in England als in Irland – von den USA ganz zu schweigen. Die Bretonen waren in ihrer Jugend in die Stadt gewandert, da es in der Bretagne keine Arbeit gab. Die Eltern blieben in den kleinen Häuschen zurück. Die Kinder machen Karriere – und erben irgendwann das Haus an der Küste.
Teilweise werden diese Häuser dann verkauft. Vor der Krise kauften hauptsächlich Engländer, Deutsche und auch Holländer – wie überall in den schönen Gegenden Frankreichs. Die Immobilienpreise waren so hoch, dass Einheimische keine Chance hatten. Irgendwann in den Jahren nach der Jahrtausendwende aber gab es zwei Änderungen. Die erste betraf den Immobilienmarkt überhaupt. Ein neues Gesetz besagte: die Häuser mussten zuerst Bretonen angeboten werden, bevor Ausländer oder auch Pariser kaufen konnten – und das wohl auch zu einem bezahlbaren Preis. Wie weit das funktionierte, weiß ich nicht, denn dann kam die Krise. Mindestens die Engländer kehrten nach Hause zurück. Nicht alle, aber viele. Wenn ich allerdings bei den Immobilienmaklern ins Schaufenster schaue, hat da an den Preisen nichts geändert, die sind weiterhin astronomisch.
Was aber eigentlich wichtiger ist: Noch vor der Krise griff der Küstenschutz auch in Bezug auf Neubauten. 

Küstenschutz auch hier

Geschlossen - auf einem Felsvorsprung am Meer
Wie ich an anderer Stelle schon einmal erwähnte, bemüht man sich schon seit vielen Jahren, die Küste zu retten. Im Zusammenhang mit der wilden Bebauung bedeutete das: Ab etwa Mitte 2000 durfte nicht mehr näher als 800 m an die Küste herangebaut werden, innerhalb von Siedlungen, wo die Küste bereits bebaut ist, nicht näher als 300 m. Man hatte sozusagen fünf Minuten nach 12 Uhr die Reißleine gezogen.
Eines der besten Beispiele für diesen unmäßigen und unvernünftigen Hausbau an der Küste sind die sieben Häuser oberhalb der Grève blanche. Laut meiner Vermieterin sind diese Häuser Anfang der 1970er gebaut worden. Ich vermute, die ganze Siedlung Grève Blanche ist bis auf ein oder zwei Häuer nicht älter.
An der Ecke befindet sich die Segelschule. Das Haus scheint alt zu sein, es ist gegen das Meer durch Dünen und eine Mauer geschützt. Dort ist immer etwas los, das Haus ist immer offen. Jenseits der kleinen Straße, die als Zugang zum Strand dient, stehen sechs kleinere Häuser, die alle im Herbst geschlossen sind. Vielleicht sind während der Herbstferien ein oder zwei für eine Woche vermietet, vielleicht sogar von den Eigentümern bewohnt, aber nicht jedes Jahr. Das siebte, südlichste Haus, ist das imposanteste. In den ersten Jahren, die ich hier den Herbst verbrachte, war es noch ganzjährig von den Eigentümern bewohnt. Dann zogen diese aus, und es wurde als Ferienhaus vermietet. Es ist allerdings auch im Herbst meist bewohnt, von wechselnden Gästen. Es ist ein Traumhaus mit einem wunderschönen Blick über die Bucht mit den Inseln Tanguy, Île de Seigle und der Kanincheninsel, hinüber zur Île Grande und der ganzen Bucht von Lannion. Schöner, denkt man, kann man nicht leben.  
Warum aber sind die Eigentümer ausgezogen, wenn sie in so einem Traumhaus leben konnten?
Grève Blanche
Weil diese sieben Häuser oben auf ihrer Anhöhe ungeschützt Richtung Westen auf das Meer hinausschauen. Wenn der Sturm vom Atlantik herkommt, donnert er auch dort ungebremst auf die Hauswände. Meine Vermieterin erzählte mir, dass die Menschen dort bei Sturm nicht schlafen können, sie fühlen sich wie bei einem Erdbeben. Ich frage, warum man die Häuser da gebaut hat. Sie grinst und zuckt mit den Schultern. Wir wissen es ja auch alle…
Während ich hier schreibe, ist der für heute angesagte Sturm, der mit 130 km auf das Festland donnern soll, angekommen. Das Haus, in dem ich mich befinde – etwa 100 m vom Strand entfernt und geschützt durch einen Felsen - dröhnt und wackelt, wenn die Böen auf die Mauer prallen. Es braucht nicht viel Phantasie, sich vorzustelle, wie das Leben in diesen sieben Häusern vorne am der Grève blanche sind. Aber – sie sind ja leer und verriegelt.
Der kleine Strand, Grève blanche, der vor diesen Häusern liegt, erzählt eine eigene Geschichte, die ich schon seit 2008 jedes Jahr weiterschreibe und hier ebenfalls veröffentlichen werde. „Die Geschichte des kleinen Strandes“. Auch da spielen diese sieben Häuser eine Hauptrolle.

Samstag, 21. September 2013

Grève Blanche

Grève Blanche nennt sich dieser Teil von Trégastel Plage, in dem ich wohne. Grève Blanche ist der kleine Strand, der sich genau nach Westen, ins offene Meer, wendet.
Vor der Grève Blanche liegen drei Inselchen. Die Île Tanguy als südlichste, ich habe von ihr berichtet. Im Norden, durch einen natürlichen Damm aus Sand mit dem Festland verbunden, ist Île Lapin, die Kanincheninsel. Und westlich davon liegt die Île de Seigle. Eigentlich sind es drei Inseln, doch die Schluchten dazwischen sind nicht immer überflutet. Oder besser, die drei Teile werden nur bei Grande Marée völlig voneinander getrennt.
Bei Ebbe ist die Insel zu Fuß zu erreichen. Man tut aber gut daran, die Zeiten im Augen zu behalten. Denn wenn das Wasser zurückkommt, fließt es zwischen dem Festland und der Insel wieder zusammen, lange bevor der Sand dazwischen überflutet wird. Und dann bekommt man mindestens nasse Füße.
Gréve Blanche, rechts Île Lapin, links Île de Seigle
Sportlichen Menschen gelingt es, von der dem Festland zugewandte Seite über die Felsen auf die Insel zu gelangen. Auch können diese akrobatischen Menschen die einen der beiden anderen Inselteile beklettern. Ich gehe lieber den sicheren Weg zwischen den Inseln auf den vorderen Teil. Auch da ist noch genügend Kletterkunst gefordert. Unsicher auf den Beinen sollte man nicht sein.
Auf dem Sand und am Rand der Insel ist wieder Pêche à pied angesagt. Überall stehen dunkle Silhouetten herum, kauern sich in den Sand, buddeln und sammeln. Ich gehe zwischen ihnen hindurch, verhindere, dass der Hund sich zu sehr für die Beuten interessiert. Als er mal in einen Eimer hineinschnuppert, schaue auch ich hinein und wende mich schnell ab. Darin findet ein Gewusel von roten Würmern statt. Angelköder. Bin ich froh, dass ich nicht angeln muss.
Dann bin ich, nach einem großen Schritt über den Tanggürtel, den das Wasser hinterlassen hatte, an den ersten Felsen der Insel angekommen. Die Senke zwischen den Inselteilen ist voller einzelner Felsen, auch Kieselsteine liegen herum, dazwischen Alten, Tang und Pfützen mit sandigem Grund. In den Pfützen schimmern farbige Schnecken, Kieselsteine und Pflanzen. Der Meeresboden unter Wasser ist bunt und glänzend, wunderschön.
Dann beginnt der Untergrund ganz felsig zu werden. Hier beginnt der Aufstieg auf den vorderen Teil, der Aufstieg, der keine akrobatischen Kunststücke verlangt.
Geheimnisvoll
Oben stehe ich auf Heide. Teilweise blüht es noch, teilweise ist es vertrocknet. Dazwischen Pfade, gerade breit genug für einen Fuß. Die Insel wird im Sommer sicher öfter besucht, was dem Untergrund und dem Bewuchs nicht gut tut, aber offensichtlich hält es sich in Grenzen, die Wege sind wirklich schmal, die Heide wächst dick und kräftig. Vorsichtig gehe ich nach links, nach Norden, bis ich am Felsenrand bin.
Ich bin absolut allein auf dem Inselchen. Und auf dieser, dem Meer zugewandten Seite, sehe ich auch die Menschen unten auf dem trockenen Meeresboden nicht. Mein Hund und ich existieren, sonst nichts und niemand. Außer den Vögel, die über dem Wasser ihre Gleitflüge machen oder unten zwischen den Felsen nach Futter suchen. Sie und wir beleben die Welt.
Ich suche mir einen bequemen Felsen, etwas windgeschützt, und setze mich hin. Ich blicke in die Ferne. Gegenüber sind die 7 Inseln, die so viel mehr als 7 Inseln sind - les Sept Îles. Auf der größten ist das normannische Fort auf der einen und der Leuchtturm auf der anderen Seite zu erkennen, Île aux Moines wird sie genannt, die Insel der Mönche. Sie ist die einzige, auf der Touristen von den Booten losgelassen werden können. Von meinem letzten Ausflug dort hin, der schon fast 10 Jahre her ist, weiß ich, dass auch dort Fußwege angelegt sind. Der Bewuchs ist durch niedere Drahtabschrankungen geschützt. Es ist nicht mehr möglich, kreuz und quer von der Anlegestelle der Ausflugsschiffe unterhalb des Leuchtturms zum fort auf der anderen Seite zu gehen. Gut für die Natur, schlecht für die Besucher - und deshalb war ich seither nicht mehr dort.
Die anderen Insel dürfen überhaupt nicht betreten werden, es ist im Interesse der Vogelwelt verboten. Wenn man bei einem Ausflug mit dem Schiff Glück hat, bedankt sich irgendwo ein fauler Seehund dafür, indem er mit der Flosse freundlich herüber winkt, ansonsten aber nicht weiter in seinem Schläfchen gestört werden will.
Auf der runden Insel ganz im Osten blinkt es weiß herüber - Guano von der Basstölpelkolonie. Dort gibt es auch eine Videokamera der ornitologischen Station auf der Île Grande.
Île Rouzic - Webcam

Ich sitze und sauge in mir auf. Das Gefühl, alleine auf so einer Insel zu sitzen - auch wenn diese im Moment eigentlich gar keine Insel ist - ist unbeschreiblich. Es ist, als schwebe man im Universum. Der Rest der Menschheit findet nicht statt. Nichts findet statt. Nur das Meer, die Wellen, der Wind und dieser unendliche Blick in die Ferne. Bin ich in eine andere Dimension eingetreten?
Die Stille ist hörbar. Es gibt keine Geräusche, mit denen man sonst unablässig konfrontiert ist. Keine Stimmen, keine Motoren, kein Klappern, kein Rascheln. Es ist die absolute Stille, die es nur zu diesem Zeitpunkt geben kann. Denn im Moment ist auch das Meer stehengeblieben.

Turn of the Tide - im Hintergrund die Île des Moines
Der Tiefpunkt des absoluten Niedrigwasser ist erreicht. Etwa eine halbe Stunde bleibt das Meer auf diesem Stand. Jeden Tag zwei Mal bei Ebbe, zwei Mal beim höchste Stand. Dann scheint auch die Zeit stehen zu bleiben. Wie eine Decke liegt die Ruhe in der Luft. Nicht einmal ein Windhauch ist zu spüren.

Montag, 16. September 2013

Eingewöhnung

Akklimatisieren nennt man das, was Körper und Geist so durchmacht, wenn er plötzlich in ein anderes Klima und das auch noch auf Meereshöhe versetzt wird. Das Resultat: Müdigkeit, Erschöpfung und - ja, auch noch - unbändiger Appetit. Und das in einem Land, in dem es viel leckeres gibt.
Am Montag bin ich ziemlich gerädert. Aber - am Montag ist im Ort Markt.

Wochenmarkt 

Jeder, der Frankreich kennt, kennt sie, diese Wochenmärkte, die in jedem Ort an einem bestimmten Tag stattfinden, meist von morgens bis mittags.Dort findet man neben den "normalen" Angeboten wie Obst und Gemüse vom Großmarkt, Kleidungsstücken, Geschirr und anderen wichtigen Dingen des täglichen Lebens auch die jeweiligen regionalen Anbieter mit ihren teils extrem leckeren Produkten. Hier in der Bretagne sind das Meeresfrüchte und Fisch, doch auch das gibt es in ganz Frankreich und ist meist vom Großmarkt in Paris. Damit kann man es gleich beim günstigeren Fischhändler vor Ort kaufen.
Aber es gibt kleine Stände mit Käsespezialitäten, Ziegen-, Schafs- und Kuhkäse, Frischkäse gewürzt oder auch nicht, harte, alte Käsesorten, selbst vom Ziegen-, Schafs- oder Kuhbauer hergestellt.
Man trifft Anbieter mit Fischpasteten, Enten- und Gänsepasteten - nun ja, die EU hat's verboten, Frankreich hat es zum Kulturerbe erklärt, entscheiden muss jeder selbst. Marmeladen oder Liköre aus Beeren werden angeboten. Honig von bretonischen Bienen. Schmeckt der anders als der von zu Hause? Und natürlich Cidre und Chouchen, Honigwein. Schmeckt wie Met, wer hat's erfunden? Die Kelten natürlich - die Druiden tranken ihn und verbrachten Wunder. Yec'hed mad!
Ab und an gibt es auch Kunsthandwerk. Im Sommer sicher mehr als jetzt. Ab sofort wird der Markt wöchentlich kleiner werden. Die besonderen Stände mit den Leckereien und den für die Touristen interessanten Artikel werden wegbleiben. Denn die Leute, die hier leben, brauchen das nicht, können es sich vermutlich auch nur selten leisten.
La Couronne du Roi Gradlon
Hier in Trégastel Plage findet der Markt am Montagmorgen statt. Mein Ritual an diesem ersten Montag nach meiner Ankunft ist: Eine Wanderung über die Krone von König Gradlon in den Ort, zur Touristeninformation, um einen Plan Marée, eine Gezeitentabelle, zu erstehen, dann einen Gang über den Markt, um einige Leckereien zu kaufen. Danach eine Runde um die Presque'île Renote und zum Forum von Trégastel, um dort Muscheln zu essen. Dann über den Küstenweg zurück nach Hause.Ich trinke noch schnell einen Kaffee und packe meine Sachen. Der Rucksack muss mit, damit die gekauften Leckereien unkompliziert transportiert werden können.
Ich trete aus dem Haus und sehe die dunkle Wolke über der Bucht. Ich will sie aber nicht sehen und gehe los. Als ich nur wenige Meter weit gegangen bin, fängt es an zu regnen. Meine Vernunft teilt mir mit, es macht keinen Sinn, schon nass auf Gradlons Krone zu klettern. Also - zurück nach Hause.
Ich beschließe, mit dem Auto zu fahren und dann zu schauen, was machbar ist.
Als ich in den Ort hineinfahre, bin ich fasziniert.Markt auf der Straße

Der Markt findet immer zu größten Teilen auf dem großen Platz am Kreisverkehr statt. Doch das Gelände reicht für die vielen Stände nicht aus. Also zieht er sich entlang der großen Straße, auf der alle, die nach Trégastel Plage kommen, fahren müssen, auch der öffentliche Bus. In allen vorigen Jahren fuhren die Autos mitten zwischen den Ständen, die rechts und links an der Straße standen, hindurch, auch eben der Bus. Und ich, wenn ich mal so dumm war, das zu tun.
Als deutsche sicherheitsbewusste Marktveranstalterin bin ich noch jedes Jahr fasziniert gewesen, dass dies möglich ist. Autos zwischen Menschen zu Fuß. In Deutschland absolut unmöglich.
Doch jetzt ist die Straße gesperrt. Eine Schranke verhindert das Einfahren. Man muss nach links abbiegen, in eine Einbahnstraße Richtung Forum. Ich bin höchst amüsiert, weil erstens endlich gesperrt ist - wobei man allerdings schließen muss, dass etwas passiert ist, was natürlich nicht so schön ist. Ich denken nicht, dass auch hier die EU eine Regel geschaffen hat. Das muss ich noch erfragen. Und zweitens weiß ich, dass Ortsunkundige hoffnungslos in der Sackgasse feststecken, vor allem von der entgegengesetzten Richtung her. Und was ist mit dem Bus, der mindestens ein Mal während der Marktzeit fährt?Ich biege also ab und beschließe, zum Forum zu fahren und dort zu parken, nicht die Querstraße, die die Umleitung darstellt, zu nutzen. Ich bin ja nicht ortsunkundig.
Ich parke also auf dem großen Parkplatz am Forum und gehe mit dem Hund an der Leine zur Bucht, da ich weiß, er muss erst einmal einige Geschäfte verrichte, was im Ort keine gute Idee ist.
Während dessen sehe ich die ersten Autos mit belgischer und britischen Kennzeichen, die hier in der Sackgasse landen. Sie sind aus der anderen Richtung an der Schranke gescheitert, rechts abbiegend der Umleitung gefolgt und nicht wieder links abgebogen, um den Bogen zu beenden, sondern geradeaus gefahren. Hier geht es zur Île Renote, die eine Halbinsel ist, wo also keine Durchfahrt möglich ist. Außerdem endet hier die Einbahnstraße, die ich gekommen bin - man kann nicht weiter fahren als auf den Parkplatz, auf dem mein Auto steht. Gerade aus ist das rote Schild mit dem weißen Balken.
Ich kann mir richtig gut vorstellen, wie die Leute sich gefangen in dieser Sackgasse fühlen. Und ich finde es extrem lustig.Schadenfreude ist manchmal wirklich genüsslich.
Ich aber gehe unten auf dem Meeresboden entlang in den Ort zurück, gehe  für meinen Tidenplan zur Touristeninformation und dann, wieder im Regen, kurz über den Markt, um festzustellen, dass die kleinen Stände mit den leckeren Sachen gar nicht da sind. Nur ein Käsestand finde ich, doch im Regen macht es keinen Spaß, sich mit Ziegenkäse zu beschäftigen.
Ich esse unter dem Vordach eines Crêpesstand einen Crêpe mit Caramel de Beurre salée, Karamell mit gesalzener Butter. Mein Frühstück. Als ich fertig bin, hat der Regen aufgehört.
Ich wandere die Straße entlang zurück zum Auto und fahre zum Parkplatz der Île Renote, auch wenn das nicht mal ein Kilometer ist. Doch die Strecke dazwischen kann man guten Gewissens meiden.

Presqu'ile Renote - die Halbinsel

Presqu'île Renote
Die Île Renote ist ein Felsenzipfel Richtung Osten, der etwa einen Kilometer ins Meer hinausragt. Rechts bildet sich dadurch die Bucht und der Hafen von Trégastel. Gegenüber liegt mal wieder die Île Costaere mit ihrem Schloss.
Hinter der Île Costaere sieht man den Phare de Mean Ruz, den Leuchtturm von Ploumanac'h und die imposanten roten Granitsteine am Sentier douanieres.
Postkartenmotive live gibt es hier hier allüberall.
Ich gehe an der Nordküste der Halbinsel entlang, weil da der Wind von hinten bläst. Auf der anderen Seite ist es geschützter, deshalb ist der Uhrzeigersinn bei Wind besser, bei Windstille ist es besser gegen den Uhrzeigersinn.
An der Spitze setze ich mich einige Zeit auf meinen Lieblingsstein und sinniere in die Bucht hinaus. Wieder geht mir der Text durch den Kopft: Sitting on a rock of the bay. Otis Redding war zwar an einem Dock gesessen, aber den gibt es hier nicht. Felsen dagegen mehr als genug. Watching the tide roll away... Yes.
Früher konnte ich von hier aus ab und zu Herrn Hallervordens Unterwäsche und die Betttücher bewundern, wenn sie im Wind trockneten, aber das Schloss ist seit mindestens drei Jahren wohl meist unbewohnt, nun da er sich lieber um ein Theater in Berlin kümmert.
Früher traf ich ihn auch so ab und an, an der Apotheke, im Supermarkt, auch mal in einem Laden mit bretonischem Schnickschnack - und war natürlich dann keine Deutsche, erkannte ihn also nicht, denn als Fan wollte ich nun wirklich nicht missinterpretiert werden. Doch nun hat er Trégastel wohl verlassen. Schade eigentlich. Für ihn.
Schließlich, nach ein paar Hundebegegnungen, beginne ich den Rückweg auf der Seite der Halbinsel, die dem Festland zugewandt ist. Nicht ganz offiziell ist hier der Pfad durch einen Felsenhaufen, der an einer Stelle sehr eng ist und wo man sich hindurchwinden muss. Netter Weise passe ich auch dieses Jahr durch, doch ich vermute, im Zeitalter der schwergewichtigen Menschen müssen viele hier umkehren und den offiziellen Weg nehmen. Imposant ist dieses Felsenchaos allemal, auch wenn man sich nicht hindurchschlängeln mag.
An einer Stelle hat das Meer seit letztem Jahr mal wieder zugeschlagen und den Weg hinunterbrechen lassen. Der neue Weg führt in einem Bogen an der Stelle vorbei. Doch dadurch ist die Wiese, auf der sich immer zur Freude meines Hundes unzählige dieser winzigen Kaninchen tummelten, ungeschützt. Sicher zeigen sich die kleinen Tierchen nicht mehr so einfach an der Oberfläche.
Mein Hund hat niemals eines gefangen, dazu ist er gar nicht in der Lage. Er lässt die Tierchen zwischen seinen Beinen hindurch hüpfen und schaut nur fasziniert zu. So ist er eben, mein gefährlicher Hund.
Als ich am Auto bin, fängt es wieder an zu regnen. Nett von dem Wetter, dass es mich im Trockenen um die Île Renote gehen ließ.
Ich fahre zum Forum zurück und hüpfe durch Regen und Sturm zum Restaurant, dessen Muscheln ich durchaus zu schätzen weiß. Als Spezialität wird dort neben verschiedenen Miesmuschelgerichten auch Crêpes und Pizza angeboten. Ich erhalten einen hundesicheren Tisch.
In Frankreich kann man fast überall in Restaurants oder Hotels den Hund mitnehmen. Französische Hunde sind auch sehr anständig, fallen selten auf. Und sie benehmen sich auch untereinander sehr zivilisiert.
Mein Hund, der nun zum 14. Mal mit mir den Herbst in der Bretagne verbringt und auch sonst immer mit mir unterwegs ist, hat diese französische Hundekultur unkompliziert angenommen. Im Restaurant legt er sich unter den Tisch und ward nicht mehr gesehen.