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Freitag, 14. Oktober 2016

Les Sept Saints

Die sieben schlafenden Heiligen - les sept saints dormants

Wenn man das Navigationsgerät richtig programmiert hat, dann fährt man durch diese engen, gewundenen Straßen mit den Bocage-Wällen, durch Eichenwälder und Maisfelder und an alten Höfen vorbei. Auf Weiden, von den Wällen abgegrenzt, gucken Kühe herüber, ab und zu diese schwarz-weissgefleckten, die Friesen sein könnten - und doch oft zu dieser uralten bretonischen Rasse gehören. Die Bretagne hat viele eigene Nutztierrassen, Geflügel, Kühe, Schweine, Pferde, einen Jagdhund und vermutlich noch anderes. Patriotismus ist auch hier weit verbreitet. Aber natürlich steht bei den meisten Landwirten der Ertrag an erster Stelle, weshalb dann die Nutztiere gehalten werden, die diesen garantieren.
Doch wir schauen nun auf die schönen Seiten des Landes.
Wir suchen einen kleinen Weiler - ein Hameau. Sein Name: Les Sept Saints. Genau genommen les Sept Saints dormants - die schlafenden sieben Heiligen.


Die Legende der sieben Schläfer von Ephesus

Der römische Kaiser Decius kommt im Jahr 251 nach Ephesus, um an den Opferfesten für die heidnischen Götter teilzunehmen. Bei dieser Gelegenheit will er die Christenverfolgung überwachen.
Einige Christen versuchen sich zu verstecken, werden aber gefunden und sterben den Märtyrertod. Unter den auf die Stadtmauern gestapelten Leichen drohen diese einzustürzen.
Bei Decius versehen 7 Söhne aus vornehmen Familien Palastdienst und werden verraten, da sie Christen sind. Sie werden zum Kaiser gebracht, der ihnen befiehlt, den heidnischen Göttern zu opfern. Als sie sich weigern, gibt ihnen der Kaiser Bedenkzeit, da sie noch sehr jung sind, und begibt sich auf eine Reise in umliegende Ortschaften.
Die Sieben sammeln Almosen für die Armen der Stadt und verteilen sie. Sie beschließen, sich in einer Höhle im Berg Achilus zu verstecken, um in Ruhe zu ihrem Gott beten zu können.
Als Bettler verkleidet wird der Jüngste in die Stadt geschickt, um Nahrungsmittel zu kaufen. Genau jetzt kommt Decius zurück. Der Junge flieht aus der Stadt und kehrt zu den anderen in die Höhle zurück. Er hatte in der Eile nicht geschafft, genügend Brote zu kaufen. Die Freunde fangen an zu wehklagen, essen von den knappen Lebensmitteln und schlafen schließlich ein, ihre Seelen in die Hände Gottes legend.
Nun befielt Decius, die Höhle zuzumauern.
In einem Manuskript aus dem 14. Jahrhundert steht, Decius habe nach den Jungen suchen lassen. Als man sie nicht fand, drohte er den Vätern Folter an. Darauf verrieten diese das Versteck ihrer Söhne. Decius ließ den Höhleneingang daraufhin verschließen.
Zwei weitere christliche Diener des Kaisers schreiben heimlich das Geschehene auf bleierne Tafeln nieder und verstecken diese in einer Schatulle unter den Steinen am Höhleneingang. Bald darauf stirbt Decius.

Freitag, 31. Oktober 2014

Argoat

Am Fluss Léguer entlang ins Landesinnere

Manchmal, wenn es stürmt und regnet, und es draußen am Meer und auf den Küstenwegen einfach zu ungemütlich ist, aber es mich irgendwie nach draußen zieht, weil ich die Wände des Häuschens zu gut kenne, dann fahre ich weg von der Küste ins Landesinnere, in das Gebiet südlich von Lannion, fahre den Léguer entlang, den Fluss, der durch Lannion hindurch ins Meer fließt. Siehe Blog Le Yaudet.
Am Fluß Léguer entlang gibt es einen hübsch aussehenden Wanderweg. Wer das mag, findet hier sicher spannende und wunderschöne Strecken. Ich bin nicht so sehr der Waldmensch, deshalb fahre ich mit dem Auto – zudem regnet es ja – und schaue mal, was es da so zu sehen gibt.
Typisches Beispiel für die Bocage
Das Innere der Bretagne ist das Argoat, das Gebiet des Waldes, auch wenn der heute größtenteils abgeholzt ist. Heute ist es die typische Knicklandschaft, die Bocage, mit den typischen Begrenzungen der Felder durch Hecken, wie man es auch von Großbritannien und Belgien kennt. Die Bocage geht auf die Kelten zurück, die bereits vor 2000 Jahren die Hecken für die Begrenzungen der Felder anlegten.
Wälle begrenzen die Felder und Wege
Aus den Hecken wurden über die Jahre Wälle. Verschiedene Straucharten, Brombeer- oder Ligustersträucher wachsen auf diesen Wallhecken, die dadurch bis zu 4,5 Meter hoch werden können – mit einer Tiefe von etwa 1 Meter. Das charakteristische Bild der Bocage wird zudem von Eichen und Eschen bestimmt, die von den Landwirten über die Jahrhunderte auf einem Großteil der Hecken gepflanzt worden sind.

Bocagefelder
Während der Flurbereinigung und durch die Zersiedelung wurde sehr viel von der Bocage zerstört.  Hauptsächlich ist sie in Gebieten mit Viehzucht erhalten und dient als natürliche Einzäunung für die Herden. Sie stellt einen natürlichen Lebensraum für die lokale Flora und Fauna dar, bietet Holz für die Bauern und Futter für das Vieh. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts werden deshalb die Bocagehecken gezielt gepflegt und neu gepflanzt.
Wenn man die Häuser entlang der Küste anschaut, wird man feststellen, dass die Abgrenzungen der Grundstücke oft Bocagehecken und –wälle sind. Das hat natürlich einen besonderen Reiz als Gartenzaun, ist aber wieder ein weiterer Beweis, dass die Landschaft teilweise sehr zersiedelt wurde.
Pferdeweide zwischen den Hecken und Wällen
Hohlweg ziwschen den alten Steinwällen - auf der anderen Seite Felder, Weiden oder auch Häuser
Hier im Argoat von Trégor dienen die Felder noch wirklich der Landwirtschaft. Es gibt viele Viehherden, aber auch Maisfelder, ab und zu Artischocken oder Blumenkohl. Gemüsebauern sind seltener, sie sind weiter westlich häufiger, vor allem dann im Leon jenseits von Morlaix. Hier im Trégor ist die Viehzucht häufiger. Die bretonische Milch und besonders die Butter sind  sehr schmackhaft. Die Höfe mit den Häusern aus grobem Granit sind verteilt über das ganze Gebiet, manche in kleinen Weilern zusammengefasst, deren Namen oft mit Ker… beginnen. Ker ist das bretonische Wort für Weiler. Ti ist das Haus, Ti Ker ist ganz logisch das Rathaus.
Am Fluss entlang jedoch ist Wald. Dichter, grüner, wilder Wald mit vielen Eichen. Ab und zu scheint ein Druide durch die Schatten zu schreiten, um mit der goldenen Sichel die Misteln abzuschneiden. Die Wälder scheinen mystisch. 

Kirchen und Schlösser

Ein paar Kleinode gibt es dann verteilt über das ganze Gebiet. Kleine Kirchen sind immer wieder zu finden, manche mitten in einem Feld, andere am Flussufer. Immer gehören die drei typischen Teile zum Kirchlein: Die Kirche selbst, der Calvaire und eine Quelle. Diese ist nicht immer direkt bei der Kirche, aber nie weit davon entfernt. Die Gründer, die Eremiten, die vor Sachsen und Angeln über den Kanal flüchteten und das Christentum in die Bretagne brachten, siedelten immer an einer Quelle, die den Kelten heilig war. Außerdem hatten sie Durst.
Kirchlein und Calvaire stehen dann oft auf romanischen Fundamenten, sind jedoch meist erst einige Jahrhunderte später gebaut, wie auch die größeren Kirchen in den Orten. Die Kirchen sind oft sehr dominant in den kleinen Orten. Sie zeugen vom Reichtum – der Kirche. Doch es waren die Bauern, die durch ihre Abgaben den Bau finanzierten.

Calvaire in Saint Thegonnec

Calvaire wird gerne mit "Kalvarienberg" übersetzt. Es sind teils einfache, teils komplexe Monumente auf viereckigen oder runden Steinsockeln, geschmückt mit umlaufenden Figurenfriesen. Der eigentliche Kalvarienberg mit der Darstellung der Kreuzigung Christi erhebt sich darüber. Die Plattform wird unter den Kreuzen von vollplastischen Figuren bevölkert.
Figuren stehen auch auf den Kreuzbalken. Aufgrund des harten Granitsteins sind sie meist einfach gearbeitet. Mit ihrer Mimik und der lebendigen szenischen Gestaltung tragen sie zu jener fantastischen Wirkung bei, die sie zu einer außerordentlichen Erscheinung der Renaissance-Kunst machen.
Calvaire in Guimiliau
Die bekanntesten Calvaire sind die von Guimiliau und Saint Thegonnec in der Nähe von Morlaix. Dort ist die Gegend der umfriedeten Pfarrbezirke. Deutlich nach außen abgegrenzte Ensemble aus Kirche, Calvaire, Gebeinhaus, Triumphtor und Friedhof. Irgendwo auf innerhalb oder in der Nähe ist dann noch eine Quelle, die ebenfalls eingefasst ist.

Die Kirche von Tonquédec
Im Trégor gibt es unzählige kleinere Kirchen innerhalb und außerhalb der Orte.
Und der Gargouille grinst...
Eine imposante Kirche steht in dem kleine Ort Tonquédec. Sie wurde im 15. Jahrhundert gebaut, in der Revolution 1790 bis auf den Turm von 1735 zerstört und 1835 wieder aufgebaut. Sie ist ein typisches und durchaus attraktives Beispiel für viele Kirchen.
Einige Kilometer weiter, am Fluß, steht eine restaurierte, fast quadratische Burg, Château de Tonquédec, eines der am meisten besuchten Baudenkmäler der Bretagne. Die Burg ist eine der beeindruckendsten Befestigungsanlagen des mittelalterlichen Frankreichs. Sie wurde im 12. Jahrhundert gebaut. Heute kann sie für Fotoshootings und Filmaufnahmen gemietet werden. Tafeln und Plakate zeigen, dass im Sommer hier auch Ritterspiele stattfinden.
Das Landesinnere des Trégors ist wie ein Labyrinth. Wenn man sich von den großen Straßen von Lannion nach Guingamp oder Belle-Île-en-Terre entfernt, tut man gut daran, einen natürlichen Richtungssinn zu haben - oder das Navi zu bemühen - denn man kann sich in diesem Gebiet gnadenlos verirren. Doch wenn man es tut, dann bewegt man sich am Besten einfach immer in dieselbe Richtung vorwärts und gelangt zwangsweise dann doch wieder an einem der Orientierunspunkte - notfalls am Meer.

Im Labyrinth

Wenn man jedoch etwas in diesem Gebiet sucht - einen Ort, eine bestimmte Kirche, ein Schloss - dann ist die Erfindung des Navigationsgerätes endlich eine sinnvolle Errungenschaft, sofern man den Namen des Ortes im Navi findet - auch nicht immer ganz einfach, den die vielen kleinen Weiler sind meist unter dem Namen eines größeren Ortes wie z.B. le Vieux Marchè zusammengefasst, liegen aber weit verstreut. Als Ort findet man sie nicht - im Detail nur dann wenn man genau weiß wie sie heißen - bretonisch oder französisch. Es ist also oft ein reines Glücksspiel.
Ich wundere mich, wie ich diese Plätze in den Urzeiten, als mich noch kein Navi lenkte fand. Als ich dann eines hatte, hielt ich die Koordinaten fest - heute als finde ich sie tatsächlich mit Hilfe des Gerätes.
Und so finde ich auch seither ein besonderes Dorf - Les Sept Saints - von dem die nächste Geschichte handeln wird. 

Montag, 22. September 2014

Montag - Markttag

König Gradlons Krone
Letztes Jahr hat es ja nicht so ganz geklappt, weil es geregnet hatte, aber dieses Jahr will ich es wieder tun - diese erste Runde um Trégastel Plage. Hinauf auf die Krone von König Gradlon - hinunter zum Markt, ein Abstecher in die Toursteninformation, um einen Plan Marée zu erhalten. Dann die Umrundung der Presqu'île Renôte, schließlich Muschelessen am Forum.

Der erste Abschnitt klappt ganz gut - dieses Mal nur mit der normalen Leine, denn es wird kaum Gelegenheiten geben, richtig frei laufe zu können. Oben auf der Krone lass ich das Hundchen dann doch frei, wir sind ganz alleine. Ich nehme ihn wieder zu mir, als wir zur Straße kommen.

Blick über die Zacken
Dann geht es hinunter in das Städchen. Und es wird anstrengend. Ich glaube, so schnell war ich noch nie durch den Markt hindurch. Der kleine Hund ist einfach viel zu interessiert an allem. Und hier riecht es dann auch noch überall so gut. Dennoch - anstrengend, aber wieder eine gute Übung für den Kleinen. Stände gab es ohnehin schon nicht mehr so viele interessante. Und kaufen hätte ich nichts können, das verhinderte Herr Hund.

Ein Frühstückscrêpe mit Caramel mit gesalzener Butter an einem Stand kann ich mir aber doch noch leisten.

Dann gehe ich zur Île Renôte. Sie hat sich nicht verändert. Ich gehe rechts herum, an der Landseite zuerst. Und genieße es. Mir kommen einige Menschen entgegen, es ist eng - aber nun ja, sie freuen sich alle, dem Kleinen zu begegnen und haben Verständnis dafür, dass ich etwas Mühe habe, ihn davon abzubringen, an ihnen hochzuspringen.

Der Blick am Ende der Halbinsel ist auch noch wie er sein muss:


Alle kennen ihn - aber er nimmt einem immer wieder den Atem.

Der Rückweg führt an den spektakulären Felsen vorbei. Die Voyager ist noch immer gelandet. Schön, dass sich diese Steine noch lange nicht verändern werden, auch nicht mit den größten Unwettern.

Ich nenne das die "Voyager", aber offiziell ist es der Champignon.
Und am Forum üben wir dann "Essen im Restaurant". Ich lasse mir im Vorraum einen Eckplatz geben, weit weg von den anderen Gästen. Es ist zum Glück warm genug, im Freien zu essen. Dennoch - der Hund findet es langweilig, hier zu liegen, ohne dass etwas geschieht. Das tut er mehrfach deutlich kund, in dem er ein lautes "Wuff" von sich gibt. Als meine Muscheln kommen, kann ich sie jedoch ohne weitere Belästigung von unten essen. Zur Belohnung bekommt er ein paar Fritten, nachdem ich fertig war. Nicht ganz pädagogisch, ich hoffe, ich werde es nicht bereuen, aber irgendwie fair.

Der Rückweg über den Felsenweg zwischen dem Forum und der Grève Blanche ist dann schnell bewältigt. Ich habe für heute genug - der kleine Hund fragt, was wir nun tun.

Sonntag, 21. September 2014

Sonntag

Am Sonntag ist die Tide so, dass nachmittags Wasser in der Bucht ist. Also kann ich nicht meine übliche erste Inspektion der Inselchen unternehmen. Deshalb fahre ich nach Landrellec.

Es ist Sonntag - Tag der Jogger. Ein etwas schwieriges Unterfangen mit dem jungen Hund, der jede Begegnung überschwänglich begrüßen will und mit Hunden am liebsten mitlaufen würde. Ich nutze die lange Schleppleine, doch zwischen den Felsen und Wurzeln kann die problematisch sein, denn sie verhakt sich gerne. Außerdem muss ich noch mehr als sonst darauf achten, wo ich hintrete. Die Leine hat die nette Angewohnheit, sich um meine Knöchel zu schlängeln, auch eine sehr nette Sache, wenn man gerade auf unsicherem Grund geht. Die erste Begegnung haben wir da, wo der Pfad oberhalb eines kleinen Strandes über einige Steintreppen in einen Tunnel aus Gestrüpp führt. Doch dieser Aufgang und der Tunnelweg sind gesperrt, Resultat der Unwetter weiß ich sofort. Später sehe ich, dass das Wasser den Weg unterspült hatte. Also muss ich hinunter auf den Sand, was eine kleine Kletterei bedeutet. Und genau in dem Moment höre ich Keuchen hinter mir. Ich schnappe mir, schon halb auf den Steinen, die gelbe Leine, um den Hund daran zu hindern, den Jogger zu belästigen. Ich schaffe es, ohne dass ich in die Tiefe gezogen werde. Der Jogger hüpft hinunter, über den Strand und gegenüber wieder zurück auf den Weg. Ich hänge noch immer auf halber Höhe. Da kommen die nächsten, ein Paar, auch joggend, dieses Mal mit Hund. Und das bedeutet, der meine will hinterher. Ich hänge noch immer halb in den Steinen. Ich halte den Hund, die Leute samt ihrem Tier rennen weiter und verschwinden um die Ecke. Dann kommen Leute entgegen. Ich heule nun fast. Das kann doch nicht sein! Ich laufe oft hier ohne auch nur einen einzigen Menschen zu sehen, und ausgerechnet heute und hier nun das! Ich halte den Hund, der immer noch hinter dem verschwundenen Freund herhechten will. Die Leute verschwinden hinter mir. Ich lasse los, um endlich den Abstieg sicher machen zu können. Mein Hund samt Leine verschwindet hinter den Joggern mit Hund her.
Und bis ich wieder auf dem Weg oben bin, kommt mir die Frau entgegen, mein Hundchen an der Leine führend. Sie grinst. Er ist als junger Hund zu erkennen, trotz seiner Größe. Und Franzosen lieben Hunde. Ich entschuldige mich, bin aber sehr wütend. Die nächste Etappe muss mein Pubertierender in strenger Disziplin bei Fuß an der Leine gehen, was ihm nicht im geringsten gefällt. Beeindruckt ist er ohnehin nicht. Er findet das Leben viel zu schön.


Wir laufen durch les landes - die Heide - das Innere von Landrellec. Ich will über die Wiese mit den Dolmen zurück an die Küste. Doch der Farn ist noch nicht gemäht. Ich gehe trotzdem hindurch, den Pfad mit Mühe erkennend. Neben Farn gibt es dort auch Brombeerranken - und viele Spinnen. Der Hund bleibt dicht hinter mir, er ist unterhalb der Blätter, doch ab und zu macht auch er Bekanntschaft mit den Brombeerstacheln. Ich beschließe, hier erst wieder zu gehen, wenn der Farn gemäht ist.
Am Uferweg dann muss der Hund wieder streng bei Fuß gehen, denn inzwischen sind zwar die Jogger beim Frühstück, aber die Schlenderer sind unterwegs.

Den Nachmittag verbringe ich auf der Liege im Garten, während draußen auf dem Parkplatz und unten am Strand die Hölle los ist.

Samstag, 20. September 2014

Neues Jahr - neue Abenteuer

Und wieder ist September - und wieder fahre ich in die Bretagne. Es ist das dritte Wochenende, als ich ankomme. Ich bin erstaunt, wie viele Leute noch hier sind. Auf den Straßen in Trégastel herrscht Chaos, die Restaurants sind übervoll. Das Wetter ist herrlich, man kann draußen speisen. Ich speise drinnen, traditionell im Mao in Ploumanac'h. Ein Trio aus Meeresfrüchten, Austern, Bulots und Crevetten, dann Sardinen à la plancha - und schließlich den bretonischen Traum aus Apfel und Caramel. Dazu eine Tasse Cidre und einen Café als Abschluss.
Dann Ankunft im Haus. Auf dem Parkplatz davor, dem Zugang zum Strand, stehen unglaublich viele Autos. Ich packe aus und ein und bin erschöpft. Der Hund nicht, er will action. Also - raus an den Strand. Es ist Hochwasser, viel ist damit nicht möglich. Dennoch - der Hund entdeckt die Wellen. Ich habe was zu lachen.
Ich hatte schon gehört, dass der kleine Strand unter den Stürmen im Winter schwer gelitten hatte. Nun sah ich es real. Natürlich war die Böschung wieder gerichtet. Doch das Thema braucht einen neuen Post.

Der kleine Hund findet es alles toll. Wellen kann man fangen, ins Wasser hineinbeisen.
Und man kann auch mal versuchen, nach einem Stein auf dem Meeresboden zu langen - mit den Pfoten.

Freitag, 1. November 2013

Île aux Lapin



Île aux Lapin
Die Insel der Kaninchen – wenn man sie genau anschaut, ahnt man, wie sie zu ihrem Namen kam. Zwei der riesigen Granitfelsen sind wie Kaninchenohren geformt. Allerdings ist sie auch mit Kaninchenlöchern durchsiebt. Diese winzigen kleinen Tierchen sind in der Bretagne überall am Meer zu finden.
Felsenchaos mit Ohren
Die Insel liegt nur wenige Meter vom Festland, von der Ecke der Grève Blanche, an der die Segelschule steht, entfernt. An dieser Ecke des Strandes ist ein kleiner Felsenhaufen, von dem aus auf der anderen Seite ein Damm aus Sand und kleinen Steinen zur Insel hinüberführt. Dieser Damm ist noch lange begehbar, wenn das Wasser aufläuft. Bei niederen Koeffizienten ist er nur kurze Zeit ganz überflutet.
Das Wasser nähert sich von beiden Seiten
Ich habe schon Touristen schockiert, weil ich noch hinüber zur Insel ging und auf sie hochkletterte. Sie standen an dem Felsenhaufen am Beginn des Dammes und starrten entsetzt zu mir hinüber. Offensichtlich konnten sie die Tide nicht einschätzen. Doch ich bin schon so oft hier gewesen, dass ich weiß, wie lange es dauert, bis der Damm überflutet wird. Auch weiß ich genau, wo das Wasser sich von beiden Seiten hier trifft und habe oft zugeschaut, wie es steigt und schließlich zusammenfließt. Bei diesem Spiel ist es nur wichtig zu beachten, dass dieser Punkt sich von einem Jahr zum anderen ändern kann, genau wie die Sandbänke in der Bucht, die umspült werden, bevor das Wasser sie überspült. Durch die Stürme im Herbst und Frühjahr kann sich die Oberfläche des Meeresbodens ändern – und dann ändern sich auch diese Strömungen.
Der Granitsockel der Insel ist relativ einfach zu besteigen, wenn man weiß wo. Doch das machen so viele Leute aller Altersgruppen, dass man nur einmal zuschauen muss und dann kennt man die Zugänge für unsportliche Menschen.
Auf der Insel gibt es mehrere massive Felsen in phantasievollen Gestalten. Und es gibt die Hasenohren. Eines dieser Ohren liegt so, dass sich unter seiner schmalen Spitze ein Raum bildet. Ein troglodytischer Raum, an dem auf den drei offenen Seiten Reste einer Mauer zu sehen sind. Die Felsen auf dem Boden dieses Raumes scheinen natürliche Möbel zu ergeben, man braucht nicht einmal viel Phantasie dazu, zwei Bänke, einen Tisch, ein Bett und eine Feuerstelle zu erkennen.  

Das Haus des Zantig

Reste der Mauer sind unter dem Felsen zu sehen
Dieser troglodytische Raum wurde von Zantig gebaut, einem Außenseiter der Gesellschaft. Er hieß mit richtigem Namen Alexandre Marie Lefebvre (1893-1968).
Seine Geschichte wurde mündlich von Sylven Gourvil berichtet:
Die troglodytische Behausung in Gesamtansicht
Alexandre Marie Lefebvre, genannt Zantig, wurde am 24. März 1893 in LeHavre als Sohn der Marie Perrine Ropars und des Eugène Maximilien Lefebvre, von Beruf Seeman, geboren. Er wuchs jedoch mit seinen Geschwistern beim  zweiten Ehemann der Mutter, einem Russen namens Michel Kradtzoff, in Pleumeur-Boudou auf. Es waren vier Geschwister. Ein Bruder wurde Fischer, ein andere Wilderer in Pleumeur-Boudou. In jungen Jahren wurde der Junge einer Pflegemutter in Trégastel übergeben. Er erhielt keine
Damals - eine von Zantigs Postkarten
Bildung, sondern begann mit 13 Jahren auf dem Bau zu arbeiten. Mit 18 Jahren ging er zur Fremdenlegion. Dort erhielt er während einer Disziplinierung eine Ganzkörpertätowierung, Pfau und Schlange.
Doch bekannt wurde er durch seine Zeit auf der Île aux Lapin, die auch auf einen Schiffbruch zurückgehend l'Île aux Croix, die Insel mit dem Kreuz, genannt wurde.  
1930 baute Zantig aus Backstein die Schutzhütte, eine Art Wohnung, unter dem Felsen. Der Felsen wird noch heute „Roche Zantig“ genannt, der Felsen des Zantig. Er lebte vom Fischen zu Fuß – pêche à pied, noch heute eine beliebte Freizeitbeschäftigung, bei der bei Ebbe der Meeresboden und die Felsen nach Meeresgetier abgesucht wird. Er fischte auch von seinem 4,5 m langen Boot „Les Perdreaux“ – „die Rebhühner“ wäre das zoologisch, doch irgendwie gibt es auch eine etwas derbere Bedeutung –  „der Bulle“ – dafür. Ich tendiere zu letzterem.
Felsengebilde
Seine Beute verkaufte er an Touristen und Einheimische. Außerdem erhielt er für seine Dienste als Seemann 6. Klasse bei der Küstenschifffahrt von 1929-1942 eine Rente.
Er benutzte eine Seilwinde, um die Insel mit dem Festland zu verbinden. Außerdem hatte er eine kleine Herde und schoss „Wasservögel“ mit einer Flinte aus dem ersten Weltkrieg.
Während des 2. Weltkrieges – als die Deutschen die Bretagne besetzt hatten und die Küste befestigten, um eine Invasion abzuwehren, die dann in der Normandie stattfand – wurde er von der Insel vertrieben und fand Zuflucht in einem verlassenen Haus an der Grève Blanche.
Zantig hatte nur wenige Freunde. Zu ihnen gehörte der, den sie „Otter“ riefen und der in einem Bunker lebte, ein anderer Außenseiter an dieser Küste, wie auch Vater Adam, der im Schutz des Felsens unter dem „Père Eternel“ hauste. Heute ist dort das Aquarium von Trégastel.
Naturkunst
Zu Zantigs Tod 1968 gibt es verschiedene Versionen. Die einen behaupten, er starb an einer Lungenentzündung, die anderen, man habe ihn nackt und sauber rasiert auf seinem Bett gefunden. Er wurde mit der Ehre eines Veteranen zur Kirche geleitet und auf dem Friedhof beigesetzt. In einer weiteren Version starb er in seiner Behausung und wurde von „Gwénojen“, einer Art Wichtel, dort abgeholt und auf dem Friedhof von Trégastel begraben.
Zantig hatte immer eine Faszination ausgeübt und übt sie noch heute aus. Er war in sich ein Kunstwerk. Er war extravagant, exzentrisch, sarkastisch gegen Touristen und den Frauen gegenüber verführerisch, wenn er mit seiner Barke zwischen den Inseln herum glitt. Er schrieb und sang und vermittelte seine Sicht der Dinge beängstigend dämonisierend. Er verkörperte die Phantasie, lebte den Traum der Freiheit. Damit war er wie eine Figur aus den alten Geschichten und Märchen, die die Küste der Bretagne umwehen.
Les sept îles

Dienstag, 24. September 2013

Inseln



Das Archipel - in der Mitte die Île de Marquer

Inseln finde ich grundsätzlich faszinierend. Die Inseln vor der Bretagne haben ihren eigenen Zauber. Und auf manchen von ihnen stehen Häuser, landwirtschaftliche Gehöfte, sogar eine Kapelle findet man.
Eine Gruppe solcher bewohnten Inseln befinden sich vor Port Blanc und Buguélés.
Es ist anzunehmen, dass hier eine zusammenhängende Landmasse existiert hatte, wie es allerdings oft in den flachen Buchten vor der Bretagne der Fall ist. Beweise sind manchmal megalithische Stätten, die bei Flut im Wasser versinken. Wir können davon auszugehen, dass die Errichter dieser Steine keine nassen Füße bekamen, damals vor 4000 oder sogar 5000 Jahre.

Das Archipel

Das Archipel aus Richtung Port Blanc, links Saint Gildas
Hier an diesem Küstenabschnitt gibt es unzählige Inseln und Steinhaufen. Der Boden dazwischen ist bei Ebbe begehbar, sogar mit dem Auto kann man dort fahren. Die gesamte Anse de Gouermel, die Bucht zwischen den beiden Weilern Buguélés und Port Blanc, ist bei Ebbe zu Fuß zu durchqueren.
Eine Frau, die ich einmal bei ihrem Ferienhaus in der Nähe des Castel meur kennenlernte, erzählte mir, dass sie Wanderungen von dort bis Port Blanc machen - quer über den Meeresboden. Sie müssten nur genau die Zeiten einhalten und sich am Ziel nicht zu langen aufhalten, sonst könnten sie auf dem Rückweg Probleme bekommen. Und außen herum auf dem Land ist das ein guter Tagesmarsch, keine gute Idee, dazu gezwungen zu sein.
Bei einer dieser Wanderungen hatten sie und ihr Mann wohl auch die Eigentümer der Enez Illiec kennengelernt. Offensichtlich hatten sie sich nicht ganz an die Regeln der Inselgrenzen gehalten. Seien aber nette Leute, meinte sie, diese Champagnerfabrikanten.
Die meisten der besiedelten Inselchen gehören zu Buguélés, einem Ortsteil von Penvénan.  Gegenüber des kleinen Hafens mit den Fischerbooten befindet sich die Île Balanec und die kleine Île Ozac'h, dazwischen befindet sich eine Moulin marée, eine Gezeitenmühle. Man wusste schon immer die Kraft des Wassers zu nutzen. 

Île de Marquer

Gebäude auf der Île de Marquer
Manche Inseln werden bewirtschaftet. Viehzucht, aber auch Ackerwirtschaft werden dort betrieben. Auf den meisten wurde die Bewirtschaftung jedoch aufgegeben. Realistisch gesehen kann es auch nicht wirtschaftlich sein, diese Inseln heute noch zu bewirtschaften.
Ebenfalls auf der Île de Marquer
Doch meine Vermieterin erzählte mir, dass ihr Vater in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, also während der deutschen Besatzungszeit, auf Saint Gildas als Landarbeiter gearbeitet hatte.
Auf der Île de Marquer, die zweigeteilt ist, sieht man auf Google Earth auch heute noch einen Acker. Die Insel liegt im Westen von Buguélés, an der kleinen Bucht, die es von Port Blanc trennt. Auf dem winzigen Zipfel Festland, der hier ins Meer vordringt, steht ein aktiver Bauernhof. Zur Insel hinüber sind es nur wenige Meter. Anzunehmen, dass der Acker von dort aus bewirtschaftet wird. Über die beiden Gebäude auf der Insel gibt es keine Informationen.
In der Bucht wird der Tang gesammelt und getrocknet. Der Tang dient als Dünger, wird aber auch wie Algen allgemein von der Kosmetikindustrie verwendet.

Privatinseln

Felsen mit Seezeichen am Rand von Saint Gildas
Doch schon damals um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert hatten sich reiche Künstler, Schriftstelle, Maler, auch Wissenschaftler auf den Inseln niedergelassen.
So gehörte Saint Gildas, die größte Insel des Archipels, in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts dem Nobelpreisträger für Medizin, Dr Alex Carrel.
Über Dr. Alex Carrel fand ich Informationen - und wenn man liest, dass er einen Posten im Gesundheitsministerium des Vichy-Regimes hatte und einige Ansichten der Nazis vertrat, versteht man, warum die Universität von Lyon 1994 ihren Namen änderte. Mehr muss man nicht auf seine Person eingehen, das würde den Zauber der Insel stören. Er hatte den Nobelpreis bereits 1912 erhalten. Lassen wir ihn ihm. 

Enez Illiec


Enez Illiec mit dem Lindbergh-Haus

Carrel war Freund, Mentor und Mitarbeiter von Charles Lindbergh, dem Flieger. Als Charles und Anne Lindbergh die Carrels auf ihrer Insel besuchten, waren sie - wen wundert es - fasziniert von der Atmosphäre, dem Land, dem Meer und den Felsen. Sie entschieden sich, das Haus auf der Enez Illiec zu kaufen. „Enez“ ist das bretonische Wort für „Insel“. Dieses Haus war 1876 vom Musiker und Komponisten Ambrose Thomas, der die Oper 'Mignon' komponiert hatte, gebaut worden. 
Enez Illiec bei Ebbe
Die Lindberghs wohnten nur von 1936 bis 1939 auf der Insel. In der Zeit pflanzten sie 500 Zypressen und 500 Pinien. Dank dieser Aktion ist das Inselchen auch heute noch bewaldet. Das Haus hat einen kleinen Turm auf der einen und eine Kapelle auf der anderen Seite. Lindberghfans – Fans der frühen Fliegerei – pilgern heute noch hierher und werden durch die großen Schilder, die das Betreten der Insel untersagen, abrupt gestoppt. Ich bin sicher, nicht jeder lässt sich davon abhalten, die Insel zu betreten, wenn das Haus geschlossen ist.
Nachdem ich schon auf dem Contentin den „Lindbergh Plage“ (in der Nähe von Portbail, südlich von Cherbourg) entdeckt hatte, fand ich es nun schon interessant, hier das Haus zu finden. Die Lindberghs lebten nur diese drei Jahre hier, dann wurde die Situation in Europa zu unruhig, und sie kehrten in die USA zurück. 
Heute gehört diese Insel der Champagner-Familie Heidsieck. 

Saint Gildas

Der Weiler auf Saint Gildas mit dem Seezeichen
Saint Gildas, die größte Insel des Archipels, gehört heute einem belgischen Industriellen und kann wie alle Privatinseln nur bis zum Rand der höchsten Flut betreten werden.
Ein besonderes Spektakel findet dort jährlich im Juni statt: Der Pardon der Pferde. 
Das Seezeichen zeigt die Ecke zum Hafen von Port Blanc an

Pardons sind die Wallfahrten, die jedes Jahr für jeden einzelnen der vielen bretonischen Heiligen stattfinden. Meist werden in den jeweiligen Orten Statuen dieser Heiligen unter Absingen frommer Lieder und dem Verteilen von Weihrauch und -wasser herumgetragen. Und es wird gefeiert.
Die Kapelle auf Saint Gildas
Hier auf Saint Gildas ist es ein Pardon der Pferde. Es wird seit dem 18. Jahrhundert durchgeführt. Es geht die Geschichte, dass vor sehr langer Zeit - in den dunklen Zeiten - alle Pferde des Kontinents durch eine schreckliche Krankheit fast ausgerottet wurden. Nur die Pferde auf der Insel überlebten, weil Saint Gildas sie geschützt hatte. Schön, dass Heilige immer so angenehme Wunder verbringen.
Gebäude auf Saint Gildas
Aus diesem Anlass überqueren jedes Jahr die Pferde der Gegend mit ihren Reitern unter großem Hallo die Bucht. Auch Fußgänger besuchen dann die Insel, es werden sogar Transporte mit Karren angeboten. Es ist der einzige Tag, an dem die Insel betreten werden darf. In der Kapelle wird des Heiligen gedacht, es wird gefeiert, und dann geht es zurück über die Bucht, über den Kieseldamm, zu Fuß, mit dem Karren oder im Galopp auf den Pferden. Die Zeiten sind genau vorgegeben. Das Zeitfenster lässt etwa vier Stunden - zwei davon zwischen Hoch- und Niedrigwasser, und spätestens zwei Stunden nach der Ebbe sollten die Feiernden wieder auf dem Festland sein, sonst gibt es nasse Füße.

Hier ist eine nette PDF-Doumentation mit vielen Fotos von diesem Ereignis: Pardon der Pferde

Sonntag, 22. September 2013

Goas Lagorn

Geheimnisvoll kann sich die Bretagne präsentieren, wenn man sich nicht nur auf den üblichen Touristenpfaden, die in den Reiseführern genannt sind, bewegt. Und wenn man sich wirklich bewegt, das heißt, zu Fuß geht, um etwas tiefer in das Land einzudringen als es möglich ist, wenn man nur aus dem Auto oder dem Reisebus hüpft, um eine Touristenattraktion anzuschauen. 
An der Mündung des Léguer, des Flusses, der die Stadt Lannion in zwei Teile teilt, gibt es zwei solcher geheimnisvollen Plätze. Viele bretonische Flüsse enden im Kanal mit einem breiten Mündungstrichter. Weiter im Westen, in Finistere, werden diese Trichter "Aber" genannt. Teilweise kann man sie schon fast mit Fjorden vergleichen. 
Der Mündungstrichter des Léguer ist 9 km lang. Die Ufer sind steil und bewaldet. Bis Lannion wirken sich die Gezeiten aus. Vor Lannion ist es einfach ein nettes Flüsschen, dass gemütlich durch ein waldreiches Gebiet mit vielen kleinen Kirchen, einigen Schlössern und massenhaft Bauernhören fließt. In Lannion bedeutet der Fluss hauptsächlich, dass man Brücken braucht, um nach Süden zu gelangen, um die Bucht von Lannion herum zum Beispiel, Richtung Morlaix und Brest. Und wenn Ebbe ist, ist das Flussbett eine einzige schwarze ekelige Matschkuhle.
Wenn der Fluß Lannion wieder verlässt und weiter an steilen Hängen vorbei in den Ärmelkanal, in die Baie de Lannion, mündet, dann fließt das Wasser mal in die eine und sechs Stunden später in die andere Richtung. 
Am Ende, an den Spitzen, liegt auf der südlichen Seite Locquémeau mit dem Pointe de Dourven, im Trichter befindet sich das geheimnisvolle Yaudet mit seinem Kirchlein und der archäologischen Ausgrabungsstätte, von dem ich später berichten werde, und am Nordufer, oben auf den Klippen, das Örtchen Beg Leguer. Beg ist bretonisch und bezeichnet eine Landspitze. Die eigentliche Landspitze ist eine hohe Klippe. Unterhalb der Klippe, dem offenen Meer zugewandt, gibt es einen Sandstrand. 
Ein Küstenweg unten entlang der Klippen führt nach Pors Mabo und weiter nach Trébeurden. 
Ein Weg zweigt schon bald nach rechts ab und steigt steil hinauf. Dort oben befindet das Vallée de Goas Lagoarn, ein ganz besonderes Hochtal.
Die unteren Hänge sind noch offen zum Meer, ungeschützt dem Wind und der Gischt ausgesetzt. Dort wird nicht von den Menschen in die Natur eingegriffen. Deshalb wachsen hier Farne, Heide und einige sture Kiefern, krumm und schräg. 
Oben, in den sanften Senken, die vor den Unbillen des offenen Meeres und des Windes geschützt sind, wurde das Gelände vor einigen Jahren so umgestaltet, dass es nachhaltig landschaftlich bewirtet werden kann und gleichzeitig der Natur freie Hand gegeben ist. Im Goas Lagoarn-Tal ist nur noch Viehzucht möglich, Äcker dürfen nicht mehr angelegt werden. Kühe, Ziegen, ein Pferd und ein Esel pflegen die Weiden, die von Hecken umsäumt sind. Die Bäche, die hier entspringen, wurden in ihre natürlichen Läufe zurückgeführt. Überall gluckert und rauscht es, frisches Quellwasser fließt durch das Tal. Ein Fest für den Hund, der seinen Durst stillen und herumplantschen kann. 
Baie de Lannion vom Aufstieg nach Goas Lagorn
Doch zuerst muss man den Aufstieg schaffen. Die Verschnaufpausen kann man nutzen, um den wunderschönen Blick hinunter auf den Strand und zur Mündung des Flusses zu nutzen. Man sieht über die Bucht von Lannion, sieht die kleine Insel vor Locquémeau

Große Höhe

Glücklich, oben angekommen zu sein und wieder einigermaßen eben gehen zu können zeigt eine Richtungstafel nach Rechts, einmal zum GR 34, dem Küstenwanderweg, der mehr oder weniger die ganze Nordküste entlang führt. Außerdem führt er zu einem Platz namens "Saint Thurien". Mitten im Wald?
An einer Wegkreuzung tauchen im Wald plötzlich Ruinen auf, die erst in den letzten Jahren wieder als solche zu erkennen sind. Die Heger und Pfleger des Tales haben sie von den Pflanzen befreit, gesäubert und teilweise auch wieder etwas aufgebaut. So gibt es Holzbalken über einem ehemaligen Raum, so wie früher die Decken gebildet wurden. Man sieht einen alten Ofen, in dem das Brot gebacken wurde. Man war weitgehend autark hier oben. Auch einen Brunnen gab es zwischen den Gebäuden.

Eine Tafel klärt auf. Es handelt sich um die "Ferme Krec'h Meur" - die Farm der großen Höhe. Na ja, vom Meer ausgesehen sind wir schon weit oben. Die Tafel erzählt, der Bauernhof war 1958 bereits aufgegeben worden, weil es sehr schwierig war, hier her an diesen sehr isolierten Platz zu gelangen.
Ruinen im Wald
Ferme Krec'h Meur - in der hinteren Wand ist der Backofen zu sehen

Die Geschichte vom Esel, der gerne spielt

Ich folge dem Weg weiter und gelange an einen Koppelzaun, in dem eine Barriere eingelassen ist, die Tiere auf der Koppel halten, Menschen sich jedoch durchschlängeln lässt. Hunde können unten hindurch. 
Auf der Koppel sehe ich ein weißes Pferd und einen Esel. Der Hund schnuppert noch entlang des Weges. Ich gehe durch diese Barrikade und lande auf der anderen Seite auf einem Wiesenweg, der dem Koppelzaun folgt. Ich drehe mich nach meinem Hund um und sehe ein Drama. 
Der Esel hat den Hund entdeckt und findet, er darf die Koppel nicht überqueren. Der Hund steht mit absolut entsetztem Gesichtsausdruck auf der anderen Seite. Er schaut mit flehend an. Ich rufe: "Komm!" Der Hund setzt sich in Bewegung, um unter der Holzkontruktion hindurch zu gehen und die zwei Meter Koppel zu durchqueren. Der Esel legt die Ohren an und senkt den Kopf. Der Hund hält sofort an. Ich rufe wieder. Der Hund bewegt sich. Der Esel legt die Ohren an. Der Hund bleibt stehen, schaut vom Esel zu mir und wieder zum Esel. Er ist in absoluter Panik. Ich rufe erneut: Komm schnell! Der Hund läuft los, der Esel legt die Ohren an und macht einen Schritt auf den Hund zu. Der Hund bleibt stehen und wifft in einen verzweifelten Welpenton. 
Da weiß ich, so werden wir nie zueinandern kommen, der Hund und ich - die Koppel war viel zu breit. Ich gehe in die Koppel zurück und reden den Esel an, teile ihm mit, er solle sich nicht so zickig benehmen. Der Esel schaut mich an und spitzt die Ohren. Ich lege ihm die Hand an die Nüstern. Ich denke, nun ist er abgelenkt, das gibt dem Hund... Der Esel schaut zum Hund und legt die Ohren an, scharrt mit dem Huf.  
Der Hund ist in Panik erstarrt und fiebt leise. 
Ich breite meine Arme aus und bedeute dem Esel, sich zu entfernen. Der Esel schaut mich an, spitzt die Ohren und findet, dass ich ihn kraulen solle, was ich mache. Dann gebe ich ihm einen Klaps und versuche, ihn in die andere Richtung zu drehen. Langsam bewegt er sich zur Seite. Ich rufe wieder nach meinem Hund und trete selbst aus der Koppel heraus. 
Der Hund nutzt die Gelegenheit, rennt wie von der Tarantel gestochen durch die Konstruktion und auf der anderen Seite heraus und springt voller Begeisterung an mir hoch. 
Der Esel fühlt sich verarscht, dreht sich um, legt die Ohren an, senkt den Kopf, scharrt mit dem Huf - aber zu spät, der Feind hat das Terrain verlassen. Hund und ich zeigen dem Esel den Vogel. Der ist beleidigt und dreht ab. Das Spiel war schön, aber nun ist es vorbei.
Versteckt im Wald, mitten auf einer Wiese

Chapelle oubliée

Wir gehen am Zaun entlang, gelangen an ein kleine Brücke über ein Bächlein. Der Hund verschwindet sofort im Wasser und ist glücklich. Ich trete über die Holzplanken und bin auf eine Wiese. Und da steht sie, die Kapelle "Saint Thurien". Die vergessene Kapelle.
Es ist eines der Kirchlein, die ich bereits erwähnte. Vermutlich hat der Heilige Thurien oder auch Durien nach seiner Flucht vor den Sachsen die britische Insel verlassen und sich hier in diesem Hochtal, damals sicher noch völlig bewaldet, niedergelassen und in der Einsamkeit sein Leben gefristet. Der Platz strömt Spiritualität aus. Wer die Fähigkeit hat, das zu spüren - oder bereit ist, sich darauf einzulassen, fühlt das. Vermutlich hat auch Thurien das gefühlt und fand, hier könne er leben.

Samstag, 21. September 2013

Grève Blanche

Grève Blanche nennt sich dieser Teil von Trégastel Plage, in dem ich wohne. Grève Blanche ist der kleine Strand, der sich genau nach Westen, ins offene Meer, wendet.
Vor der Grève Blanche liegen drei Inselchen. Die Île Tanguy als südlichste, ich habe von ihr berichtet. Im Norden, durch einen natürlichen Damm aus Sand mit dem Festland verbunden, ist Île Lapin, die Kanincheninsel. Und westlich davon liegt die Île de Seigle. Eigentlich sind es drei Inseln, doch die Schluchten dazwischen sind nicht immer überflutet. Oder besser, die drei Teile werden nur bei Grande Marée völlig voneinander getrennt.
Bei Ebbe ist die Insel zu Fuß zu erreichen. Man tut aber gut daran, die Zeiten im Augen zu behalten. Denn wenn das Wasser zurückkommt, fließt es zwischen dem Festland und der Insel wieder zusammen, lange bevor der Sand dazwischen überflutet wird. Und dann bekommt man mindestens nasse Füße.
Gréve Blanche, rechts Île Lapin, links Île de Seigle
Sportlichen Menschen gelingt es, von der dem Festland zugewandte Seite über die Felsen auf die Insel zu gelangen. Auch können diese akrobatischen Menschen die einen der beiden anderen Inselteile beklettern. Ich gehe lieber den sicheren Weg zwischen den Inseln auf den vorderen Teil. Auch da ist noch genügend Kletterkunst gefordert. Unsicher auf den Beinen sollte man nicht sein.
Auf dem Sand und am Rand der Insel ist wieder Pêche à pied angesagt. Überall stehen dunkle Silhouetten herum, kauern sich in den Sand, buddeln und sammeln. Ich gehe zwischen ihnen hindurch, verhindere, dass der Hund sich zu sehr für die Beuten interessiert. Als er mal in einen Eimer hineinschnuppert, schaue auch ich hinein und wende mich schnell ab. Darin findet ein Gewusel von roten Würmern statt. Angelköder. Bin ich froh, dass ich nicht angeln muss.
Dann bin ich, nach einem großen Schritt über den Tanggürtel, den das Wasser hinterlassen hatte, an den ersten Felsen der Insel angekommen. Die Senke zwischen den Inselteilen ist voller einzelner Felsen, auch Kieselsteine liegen herum, dazwischen Alten, Tang und Pfützen mit sandigem Grund. In den Pfützen schimmern farbige Schnecken, Kieselsteine und Pflanzen. Der Meeresboden unter Wasser ist bunt und glänzend, wunderschön.
Dann beginnt der Untergrund ganz felsig zu werden. Hier beginnt der Aufstieg auf den vorderen Teil, der Aufstieg, der keine akrobatischen Kunststücke verlangt.
Geheimnisvoll
Oben stehe ich auf Heide. Teilweise blüht es noch, teilweise ist es vertrocknet. Dazwischen Pfade, gerade breit genug für einen Fuß. Die Insel wird im Sommer sicher öfter besucht, was dem Untergrund und dem Bewuchs nicht gut tut, aber offensichtlich hält es sich in Grenzen, die Wege sind wirklich schmal, die Heide wächst dick und kräftig. Vorsichtig gehe ich nach links, nach Norden, bis ich am Felsenrand bin.
Ich bin absolut allein auf dem Inselchen. Und auf dieser, dem Meer zugewandten Seite, sehe ich auch die Menschen unten auf dem trockenen Meeresboden nicht. Mein Hund und ich existieren, sonst nichts und niemand. Außer den Vögel, die über dem Wasser ihre Gleitflüge machen oder unten zwischen den Felsen nach Futter suchen. Sie und wir beleben die Welt.
Ich suche mir einen bequemen Felsen, etwas windgeschützt, und setze mich hin. Ich blicke in die Ferne. Gegenüber sind die 7 Inseln, die so viel mehr als 7 Inseln sind - les Sept Îles. Auf der größten ist das normannische Fort auf der einen und der Leuchtturm auf der anderen Seite zu erkennen, Île aux Moines wird sie genannt, die Insel der Mönche. Sie ist die einzige, auf der Touristen von den Booten losgelassen werden können. Von meinem letzten Ausflug dort hin, der schon fast 10 Jahre her ist, weiß ich, dass auch dort Fußwege angelegt sind. Der Bewuchs ist durch niedere Drahtabschrankungen geschützt. Es ist nicht mehr möglich, kreuz und quer von der Anlegestelle der Ausflugsschiffe unterhalb des Leuchtturms zum fort auf der anderen Seite zu gehen. Gut für die Natur, schlecht für die Besucher - und deshalb war ich seither nicht mehr dort.
Die anderen Insel dürfen überhaupt nicht betreten werden, es ist im Interesse der Vogelwelt verboten. Wenn man bei einem Ausflug mit dem Schiff Glück hat, bedankt sich irgendwo ein fauler Seehund dafür, indem er mit der Flosse freundlich herüber winkt, ansonsten aber nicht weiter in seinem Schläfchen gestört werden will.
Auf der runden Insel ganz im Osten blinkt es weiß herüber - Guano von der Basstölpelkolonie. Dort gibt es auch eine Videokamera der ornitologischen Station auf der Île Grande.
Île Rouzic - Webcam

Ich sitze und sauge in mir auf. Das Gefühl, alleine auf so einer Insel zu sitzen - auch wenn diese im Moment eigentlich gar keine Insel ist - ist unbeschreiblich. Es ist, als schwebe man im Universum. Der Rest der Menschheit findet nicht statt. Nichts findet statt. Nur das Meer, die Wellen, der Wind und dieser unendliche Blick in die Ferne. Bin ich in eine andere Dimension eingetreten?
Die Stille ist hörbar. Es gibt keine Geräusche, mit denen man sonst unablässig konfrontiert ist. Keine Stimmen, keine Motoren, kein Klappern, kein Rascheln. Es ist die absolute Stille, die es nur zu diesem Zeitpunkt geben kann. Denn im Moment ist auch das Meer stehengeblieben.

Turn of the Tide - im Hintergrund die Île des Moines
Der Tiefpunkt des absoluten Niedrigwasser ist erreicht. Etwa eine halbe Stunde bleibt das Meer auf diesem Stand. Jeden Tag zwei Mal bei Ebbe, zwei Mal beim höchste Stand. Dann scheint auch die Zeit stehen zu bleiben. Wie eine Decke liegt die Ruhe in der Luft. Nicht einmal ein Windhauch ist zu spüren.