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Freitag, 14. Oktober 2016

Les Sept Saints

Die sieben schlafenden Heiligen - les sept saints dormants

Wenn man das Navigationsgerät richtig programmiert hat, dann fährt man durch diese engen, gewundenen Straßen mit den Bocage-Wällen, durch Eichenwälder und Maisfelder und an alten Höfen vorbei. Auf Weiden, von den Wällen abgegrenzt, gucken Kühe herüber, ab und zu diese schwarz-weissgefleckten, die Friesen sein könnten - und doch oft zu dieser uralten bretonischen Rasse gehören. Die Bretagne hat viele eigene Nutztierrassen, Geflügel, Kühe, Schweine, Pferde, einen Jagdhund und vermutlich noch anderes. Patriotismus ist auch hier weit verbreitet. Aber natürlich steht bei den meisten Landwirten der Ertrag an erster Stelle, weshalb dann die Nutztiere gehalten werden, die diesen garantieren.
Doch wir schauen nun auf die schönen Seiten des Landes.
Wir suchen einen kleinen Weiler - ein Hameau. Sein Name: Les Sept Saints. Genau genommen les Sept Saints dormants - die schlafenden sieben Heiligen.


Die Legende der sieben Schläfer von Ephesus

Der römische Kaiser Decius kommt im Jahr 251 nach Ephesus, um an den Opferfesten für die heidnischen Götter teilzunehmen. Bei dieser Gelegenheit will er die Christenverfolgung überwachen.
Einige Christen versuchen sich zu verstecken, werden aber gefunden und sterben den Märtyrertod. Unter den auf die Stadtmauern gestapelten Leichen drohen diese einzustürzen.
Bei Decius versehen 7 Söhne aus vornehmen Familien Palastdienst und werden verraten, da sie Christen sind. Sie werden zum Kaiser gebracht, der ihnen befiehlt, den heidnischen Göttern zu opfern. Als sie sich weigern, gibt ihnen der Kaiser Bedenkzeit, da sie noch sehr jung sind, und begibt sich auf eine Reise in umliegende Ortschaften.
Die Sieben sammeln Almosen für die Armen der Stadt und verteilen sie. Sie beschließen, sich in einer Höhle im Berg Achilus zu verstecken, um in Ruhe zu ihrem Gott beten zu können.
Als Bettler verkleidet wird der Jüngste in die Stadt geschickt, um Nahrungsmittel zu kaufen. Genau jetzt kommt Decius zurück. Der Junge flieht aus der Stadt und kehrt zu den anderen in die Höhle zurück. Er hatte in der Eile nicht geschafft, genügend Brote zu kaufen. Die Freunde fangen an zu wehklagen, essen von den knappen Lebensmitteln und schlafen schließlich ein, ihre Seelen in die Hände Gottes legend.
Nun befielt Decius, die Höhle zuzumauern.
In einem Manuskript aus dem 14. Jahrhundert steht, Decius habe nach den Jungen suchen lassen. Als man sie nicht fand, drohte er den Vätern Folter an. Darauf verrieten diese das Versteck ihrer Söhne. Decius ließ den Höhleneingang daraufhin verschließen.
Zwei weitere christliche Diener des Kaisers schreiben heimlich das Geschehene auf bleierne Tafeln nieder und verstecken diese in einer Schatulle unter den Steinen am Höhleneingang. Bald darauf stirbt Decius.

Dienstag, 15. Oktober 2013

Le Yaudet


Le Yaudet - Baie de la vierge

Gegenüber vom Beg Léguer liegt Le Yaudet. Die Anhöhe befindet sich in der Mitte der Mündung des Flusses Léguer, der nach einem Weg durch waldiges Land die Stadt Lannion teilt, um dann durch diese Trichtermündung ins Meer zu fließen. Auf der nördlichen Seite von Le Yaudet fließt der Fluß, auf der anderen Seite reicht eine kleine Bucht ins Land hinein, genannt Pont Roux, sodass aus dieser Spitze eine Halbinsel wird.
Die Fischerhäuser
Im Mittelalter war hier eine Stadt, die Civitas Vetus, die alte Stadt, auf Bretonisch Ar Yodet – Le Yaudet. 
Vom Weiler, der zum Städtchen Ploulec’h gehört, führt eine ziemlich steile Straße zu dieser Bucht hinunter, an der kleine Fischerhäuschen wie eine Perlenkette aneinandergereiht stehen. Die Fischer fischten einst in der Flußmündung. Auf der anderen Seite der Bucht ist der Hang hinauf unbebaut.

Mur de la pêcherie

Bei Ebbe - die Mauer führt vom südlichen Ufer zur Landspitze
Bei Ebbe sieht man auf dem Boden der kleinen Bucht vor Pont Roux Reste einer Mauer. Diese „mur de la pêcherie“, die Fischermauer, führt 200 m von der Spitze der Halbinsel zum gegenüberliegenden Ufer. Sie ist 2 m breit und 1 m hoch und bis zu 2 Meter in den schlammig-sandigen Boden getrieben, wie Bauarbeiter bei Arbeiten nach der Ölpest herausfanden. Sie bildete eine Barriere durch die ganze Bucht, mit drei Öffnungen, von denen man vermutet, dass sie zur Regulierung der Flut dienten. Heute ist die Mauer zu großen Teilen eingestürzt.
Zum ersten Mal wird die Mauer im 12. Jahrhundert erwähnt, doch sie könnte aus der gallischen Zeit stammen. Geographie -Professor Jean -Pierre Pinot spekuliert, die Mauer könnte ein Fragment aus der Eisenzeit sein, als der Meerespiegel 6 m tiefer lag. Es könnte sein, dass sie Lagerhallen und einen Hafen aus der Phönizierzeit begrenzte. Seit dem Mittelalter und bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts diente sie jedoch zum Fischfang, indem die Fische bei ablaufendem Wasser innerhalb der Mauer blieben und gefangen werden konnten. Sie war auch die Ursache für das Wunder vom 30. März 1938, als zur Freude der Fischer von Yaudet ein ganzer Schwarm Sardinen in dieser Bucht gefangen wurde, die sich nicht selbst über die Mauer retten konnten.  
Die Mauer könnte auch als Damm zur Wasserspeicherung für eine Gezeitenmühle gedient haben. Möglich ist beides, Fischfalle und Staudamm.
Die Flußmündung wird laut Karte Baie de la Vierge genannt. Die Bucht der Jungfrau. Und diese Jungfrau ist das interessante an dieser Höhe Le Yaudet im Fluß.

Archäologische Stätte



Haus neben der Kirche
Le Yaudet ist eine archäologische Ausgrabungsstätte. Die Siedlung geht zurück auf das Neolithikum, die Jungsteinzeit, etwa 5000 Jahre vor der Zeitenwende. Im Gegensatz zu anderen Plätzen der Region, wo megalithische Stätten auf die Menschen damals hinweisen, sind hier keine steinernen Zeugen erhalten. Bei Ausgrabungen jedoch wurden alltägliche Gegenstände wie Werkzeuge aus Feuerstein, geschliffene Äxte und Tonscherben gefunden. Man fand auch eine weibliche Figur, die ein Kind trägt. Es gibt zwar keinerlei Spuren von Behausungen auf den Höhen, doch man vermutet eben, dass die Menschen unten in der Bucht siedelten, als der Meeresspiegel niederer als heute war.
Die ersten Spuren von Behausungen gehen auf das erste Jahrhundert unserer Zeit zurück. Im Süden des Plateaus überragte eine Stadt mit ein paar hundert Einwohnern den Hafen. Von der Felsspitze beherrschte ein Wall aus Steinen und Erde die Bucht der Jungfrau. So entstand ein Hafen für den Handel mit den anderen keltischen Stämmen des Trégors und den Stämmen jenseits des Kanals. Münzfunde weisen auf ihn hin. Während der römischen Besatzung entstand auch ein Handel mit Italien. Der kleine Hafen war in das Handelsnetz der Römer eingebunden.
Reste des Römerkastells
Um die Abwehr der Angriffe von Sachsen und Wikingern an der Bretonischen Küste zu verstärken, wurde oberhalb derFelsenklippe eine Steinmauer mit Zugängen erbaut. Einige Teile sind heute noch sichtbar. Bis ins vierte Jahrhundert wurde der Ort von einer römischen Garnison geschützt.
Nach dem Abzug der Römer verschwindet der Ort aus den Aufzeichnungen. Die Menschen lebten von Landwirtschaft und Fischerei, es gab vermutlich auch ein Kloster dort, doch offensichtlich geschah nichts weiter bemerkenswertes, bis im 13. Jahrhundert die Auflösung begann. Die Menschen zogen weg. Im 16. Jahrhundert war der Ort verlassen.
Zum Schutz vor den Engländern wurde im 18. Jahrhundert ein Gebäude für die Küstenwache gebaut – gleich neben den Fundamenten eines römischen Kastells. Diese Wachhäuser stehen überall entlang des Küstenwegs – der auch der Zöllnerweg genannt wird.  Die Ruine wurde 1982 restauriert. Auf den Fundamenten eines anderen römischen Forts wurde 1845 mit Blick auf den alten Hafen ein Schutzhaus für die Wachen erstellt. 

La Vierge couchée

Le Yaudet mit der Kirche
Die Kirche Notre-Dame du Yaudet war immer Ziel von Wallfahrten und eines jährlichen Pardons. Fast verborgen durch einige Pinien steht sie in einem umfriedeten Pfarrbezirk neben einem Friedhof aus dem 16. Jahrhundert
Die heutige Kirche, die 1861 erbaut wurde, steht auf einem alten Kultplatz. Ihr Fundament ist das Fundament eines römischen Tempels, von dem auch einige Baumaterialien verwendet wurden.
Das Altarbild ist eine Seltenheit. Es verkörpert eine von zwei Strömen christlicher Mystik in der Bretagne. Das naive Bild zeigt eine schlafende Jungfrau auf einem Bett aus dem 17. Jahrhundert. Die Symbolik dieses Bildes ist jedoch uralt. Sie stammt aus der Römerzeit.
Um eine Konfrontation mit den örtlichen Druiden zu vermeiden, bauten die römischen Besatzer an dieser Stelle einen Tempel und weihten ihn der Göttin Cybele, die liegend, ihr Kind stillend, dargestellt wurde.
Das Altarbild
Schon die Kelten hatten eine Göttin mit Kind hier verehrt. Bei den Ausgrabungen wurden eine Figur aus der Steinzeit entdeckt, ebenfalls eine Frau mit Kind, sodass man davon ausgeht, dass auch in prähistorischen Zeiten bereits diese Mutter mit Kind hier verehrt wurde. Als die Christen die Bretagne übernahmen, bekam ihre Kirche nicht den sonst üblichen Namen des Eremiten, den es vor Sachsen und Angel über den Kanal geweht hatte, sondern auch sie übernahmen das Bild der Mutter mit Kind, die ja durchaus ihren Platz im Christentum hatte.
Als neutraler Besucher dieses Altars fragt man sich dann auch durchaus, ob dieser Altar überhaupt christlich ist. Das naive Bild der mit Spitzen umrahmten und bedeckten Puppen von Mutter und Kind, von denen man nur die Köpfe sieht, hat so gar nichts von dem, was man in einer Kirche erwartet. Zwar sitzt da diese männliche Figur mit einem Bischofstab, doch da streiten sich die Gelehrten, ob es der Prophet Jessajah oder der heilige Joseph sei, welch letzterer logischer wäre, wenn das Bild Christi Geburt darstellen sollte. Allerdings las ich in einer Erklärung eines gewissen Pierre Barbier, das könne aus seiner Sicht nicht sein, da ja Gott der Vater sei. Außerdem trage die Figur Krone und Zepter und sitze in der heiligen Pose des ewigen Vaters der bretonischen Trinité, der Dreieinigkeit. Außerdem fliege die Taube des Heiligen Geistes über der Szene.
Das alte Dorf
Nun ja. Entweder Christi Geburt oder die Dreifaltigkeit, man kann sich streiten.Vielleicht ist es auch einfach die Urmutter aus einer Zeit lange bevor das Christentum an diesen Gestaden landete. Oder die keltische Fruchtbarkeitsgöttin Brigidh.
Rechts und links flankieren in zwei halbrunden Nischen umrahmt von korinthischen Säulen die Figuren von Saint Anne, Marias Mutter, und Saint Joachim, ihr Vater, das Bild.
Vor dem Bild, auf dem Altar, steht ein kleines metallenes Kreuz. Es ist auf jeden Fall eine christliche Kirche.





Traditionell wird am 1. Mai um Mitternacht ein feierlicher Gottesdienst abgehalten. Diese Nacht ist die Nacht von Beltane, dem keltischen Frühjahrsfest der Fruchtbarkeit. 
Über den Eichen hinunter auf die Mündung

Sonntag, 22. September 2013

Goas Lagorn

Geheimnisvoll kann sich die Bretagne präsentieren, wenn man sich nicht nur auf den üblichen Touristenpfaden, die in den Reiseführern genannt sind, bewegt. Und wenn man sich wirklich bewegt, das heißt, zu Fuß geht, um etwas tiefer in das Land einzudringen als es möglich ist, wenn man nur aus dem Auto oder dem Reisebus hüpft, um eine Touristenattraktion anzuschauen. 
An der Mündung des Léguer, des Flusses, der die Stadt Lannion in zwei Teile teilt, gibt es zwei solcher geheimnisvollen Plätze. Viele bretonische Flüsse enden im Kanal mit einem breiten Mündungstrichter. Weiter im Westen, in Finistere, werden diese Trichter "Aber" genannt. Teilweise kann man sie schon fast mit Fjorden vergleichen. 
Der Mündungstrichter des Léguer ist 9 km lang. Die Ufer sind steil und bewaldet. Bis Lannion wirken sich die Gezeiten aus. Vor Lannion ist es einfach ein nettes Flüsschen, dass gemütlich durch ein waldreiches Gebiet mit vielen kleinen Kirchen, einigen Schlössern und massenhaft Bauernhören fließt. In Lannion bedeutet der Fluss hauptsächlich, dass man Brücken braucht, um nach Süden zu gelangen, um die Bucht von Lannion herum zum Beispiel, Richtung Morlaix und Brest. Und wenn Ebbe ist, ist das Flussbett eine einzige schwarze ekelige Matschkuhle.
Wenn der Fluß Lannion wieder verlässt und weiter an steilen Hängen vorbei in den Ärmelkanal, in die Baie de Lannion, mündet, dann fließt das Wasser mal in die eine und sechs Stunden später in die andere Richtung. 
Am Ende, an den Spitzen, liegt auf der südlichen Seite Locquémeau mit dem Pointe de Dourven, im Trichter befindet sich das geheimnisvolle Yaudet mit seinem Kirchlein und der archäologischen Ausgrabungsstätte, von dem ich später berichten werde, und am Nordufer, oben auf den Klippen, das Örtchen Beg Leguer. Beg ist bretonisch und bezeichnet eine Landspitze. Die eigentliche Landspitze ist eine hohe Klippe. Unterhalb der Klippe, dem offenen Meer zugewandt, gibt es einen Sandstrand. 
Ein Küstenweg unten entlang der Klippen führt nach Pors Mabo und weiter nach Trébeurden. 
Ein Weg zweigt schon bald nach rechts ab und steigt steil hinauf. Dort oben befindet das Vallée de Goas Lagoarn, ein ganz besonderes Hochtal.
Die unteren Hänge sind noch offen zum Meer, ungeschützt dem Wind und der Gischt ausgesetzt. Dort wird nicht von den Menschen in die Natur eingegriffen. Deshalb wachsen hier Farne, Heide und einige sture Kiefern, krumm und schräg. 
Oben, in den sanften Senken, die vor den Unbillen des offenen Meeres und des Windes geschützt sind, wurde das Gelände vor einigen Jahren so umgestaltet, dass es nachhaltig landschaftlich bewirtet werden kann und gleichzeitig der Natur freie Hand gegeben ist. Im Goas Lagoarn-Tal ist nur noch Viehzucht möglich, Äcker dürfen nicht mehr angelegt werden. Kühe, Ziegen, ein Pferd und ein Esel pflegen die Weiden, die von Hecken umsäumt sind. Die Bäche, die hier entspringen, wurden in ihre natürlichen Läufe zurückgeführt. Überall gluckert und rauscht es, frisches Quellwasser fließt durch das Tal. Ein Fest für den Hund, der seinen Durst stillen und herumplantschen kann. 
Baie de Lannion vom Aufstieg nach Goas Lagorn
Doch zuerst muss man den Aufstieg schaffen. Die Verschnaufpausen kann man nutzen, um den wunderschönen Blick hinunter auf den Strand und zur Mündung des Flusses zu nutzen. Man sieht über die Bucht von Lannion, sieht die kleine Insel vor Locquémeau

Große Höhe

Glücklich, oben angekommen zu sein und wieder einigermaßen eben gehen zu können zeigt eine Richtungstafel nach Rechts, einmal zum GR 34, dem Küstenwanderweg, der mehr oder weniger die ganze Nordküste entlang führt. Außerdem führt er zu einem Platz namens "Saint Thurien". Mitten im Wald?
An einer Wegkreuzung tauchen im Wald plötzlich Ruinen auf, die erst in den letzten Jahren wieder als solche zu erkennen sind. Die Heger und Pfleger des Tales haben sie von den Pflanzen befreit, gesäubert und teilweise auch wieder etwas aufgebaut. So gibt es Holzbalken über einem ehemaligen Raum, so wie früher die Decken gebildet wurden. Man sieht einen alten Ofen, in dem das Brot gebacken wurde. Man war weitgehend autark hier oben. Auch einen Brunnen gab es zwischen den Gebäuden.

Eine Tafel klärt auf. Es handelt sich um die "Ferme Krec'h Meur" - die Farm der großen Höhe. Na ja, vom Meer ausgesehen sind wir schon weit oben. Die Tafel erzählt, der Bauernhof war 1958 bereits aufgegeben worden, weil es sehr schwierig war, hier her an diesen sehr isolierten Platz zu gelangen.
Ruinen im Wald
Ferme Krec'h Meur - in der hinteren Wand ist der Backofen zu sehen

Die Geschichte vom Esel, der gerne spielt

Ich folge dem Weg weiter und gelange an einen Koppelzaun, in dem eine Barriere eingelassen ist, die Tiere auf der Koppel halten, Menschen sich jedoch durchschlängeln lässt. Hunde können unten hindurch. 
Auf der Koppel sehe ich ein weißes Pferd und einen Esel. Der Hund schnuppert noch entlang des Weges. Ich gehe durch diese Barrikade und lande auf der anderen Seite auf einem Wiesenweg, der dem Koppelzaun folgt. Ich drehe mich nach meinem Hund um und sehe ein Drama. 
Der Esel hat den Hund entdeckt und findet, er darf die Koppel nicht überqueren. Der Hund steht mit absolut entsetztem Gesichtsausdruck auf der anderen Seite. Er schaut mit flehend an. Ich rufe: "Komm!" Der Hund setzt sich in Bewegung, um unter der Holzkontruktion hindurch zu gehen und die zwei Meter Koppel zu durchqueren. Der Esel legt die Ohren an und senkt den Kopf. Der Hund hält sofort an. Ich rufe wieder. Der Hund bewegt sich. Der Esel legt die Ohren an. Der Hund bleibt stehen, schaut vom Esel zu mir und wieder zum Esel. Er ist in absoluter Panik. Ich rufe erneut: Komm schnell! Der Hund läuft los, der Esel legt die Ohren an und macht einen Schritt auf den Hund zu. Der Hund bleibt stehen und wifft in einen verzweifelten Welpenton. 
Da weiß ich, so werden wir nie zueinandern kommen, der Hund und ich - die Koppel war viel zu breit. Ich gehe in die Koppel zurück und reden den Esel an, teile ihm mit, er solle sich nicht so zickig benehmen. Der Esel schaut mich an und spitzt die Ohren. Ich lege ihm die Hand an die Nüstern. Ich denke, nun ist er abgelenkt, das gibt dem Hund... Der Esel schaut zum Hund und legt die Ohren an, scharrt mit dem Huf.  
Der Hund ist in Panik erstarrt und fiebt leise. 
Ich breite meine Arme aus und bedeute dem Esel, sich zu entfernen. Der Esel schaut mich an, spitzt die Ohren und findet, dass ich ihn kraulen solle, was ich mache. Dann gebe ich ihm einen Klaps und versuche, ihn in die andere Richtung zu drehen. Langsam bewegt er sich zur Seite. Ich rufe wieder nach meinem Hund und trete selbst aus der Koppel heraus. 
Der Hund nutzt die Gelegenheit, rennt wie von der Tarantel gestochen durch die Konstruktion und auf der anderen Seite heraus und springt voller Begeisterung an mir hoch. 
Der Esel fühlt sich verarscht, dreht sich um, legt die Ohren an, senkt den Kopf, scharrt mit dem Huf - aber zu spät, der Feind hat das Terrain verlassen. Hund und ich zeigen dem Esel den Vogel. Der ist beleidigt und dreht ab. Das Spiel war schön, aber nun ist es vorbei.
Versteckt im Wald, mitten auf einer Wiese

Chapelle oubliée

Wir gehen am Zaun entlang, gelangen an ein kleine Brücke über ein Bächlein. Der Hund verschwindet sofort im Wasser und ist glücklich. Ich trete über die Holzplanken und bin auf eine Wiese. Und da steht sie, die Kapelle "Saint Thurien". Die vergessene Kapelle.
Es ist eines der Kirchlein, die ich bereits erwähnte. Vermutlich hat der Heilige Thurien oder auch Durien nach seiner Flucht vor den Sachsen die britische Insel verlassen und sich hier in diesem Hochtal, damals sicher noch völlig bewaldet, niedergelassen und in der Einsamkeit sein Leben gefristet. Der Platz strömt Spiritualität aus. Wer die Fähigkeit hat, das zu spüren - oder bereit ist, sich darauf einzulassen, fühlt das. Vermutlich hat auch Thurien das gefühlt und fand, hier könne er leben.

Sonntag, 15. September 2013

Degemer mat!

Breizh

Die Frage, die mir viele stellen: Warum treibt es dich seit vielen Jahren immer wieder in die Bretagne?
Antwort: Weil die Engländer meinen Hund nicht wollen - und ohne den fahre ich nirgendwo hin.
Inzwischen würden die Briten die Einreise des Hundes akzeptieren, aber na ja, nun hat mich schon die Bretagne mit ihrem Bann belegt. Zu spät, Briten...
Warum aber überhaupt keltische Länder? Das frage ich mich selbst. Ich bin hier zu Hause. Warum auch immer. Das war so, als ich zum ersten Mal britischen Boden betrat - ich war nach Hause gekommen. Das war 1970 und ich 17 Jahre alt. Seither ließen mich die britischen Inseln nicht mehr los. Später dann war mir der Hund wichtig - und ich musste die Inseln gegen die Halbinsel der Bretagne tauschen.  

Little and Great Britain 

In vielem sind sie sich ähnlich, die beiden Britannien dieseits und jenseits des Kanals. Keltisch waren sie beide. Zuerst besiedelten die Kelten auf ihren Wanderungen vom Süden her die Bretagne und mischten sich mit den vorigen Kulturen, wie sie es immer getan hatten - dann setzten sie über und machten dasselbe auf den Inseln. 
Die Römer überrannten die Kelten der Bretagne - bis auf jenes bekannte kleine gallische Dorf natürlich - und versuchten das auch auf den Inseln. Dort klappte das aber nicht so ganz. Und Hadrians Wall setzte dem Vormarsch endgültig ein Ende.
Nach der Zeitenwende kamen die Germanen. Wikinger, Angeln, Sachsen besetzten die größte Insel und benannte sie um - in Angelssachsen - Angelland - England. Die Kelten flohen über den Kanal und besiedelten die Bretagne ein zweites Mal. In der Zeit kämpfte König Artus und die Seinen gegen Drachen und Sachsen. Zauberer Merlin kam aus Klein-Britannien über den Kanal und mischte mit. Auf der Flucht vor den Germanen nahmen die Briten die Sagen mit und pflanzten sie zur Freude heutiger Touristen in der Bretagne ein. Die Saat wurde zuerst von den Romantikern des 19. Jahrhunderts und dann von deren Nachfolgern, den Tourismusverbänden, fleißig weitergegossen, was bis zu heutigen Straßennamen und Felsunterkünften einiger Sagengestalten führte. Artus, Viviane und Merlin wurden an mehreren Stellen gesichtet. Broceliande, der Wald bei Rennes, ist ein Zentrum der Mystik. Mein Hund Merlin konnte einst ans eigene Grab pinkeln. Auch im Wald von Huelgoat findet man Artus, Lancelot und Gwynivieve durch die Bäume streifen. Und dazwischen versuchen einige Inselchen sich als Avalon. Besonders die Île d'Aval neben der Île Grande bei Pleumeur Boudou könnte es sein, denn angeblich ist dort das Grab von Artus. Man muss nur entscheiden, ob er unter dem Kreuz oder dem Menhir liegt.
Die damaligen Briten waren bereits von Saint Patrick und seinen Kumpeln christianisiert, sodass die Bretagne eines der ersten Gebiete im Norden des Kontinents war, das christlich wurde. Diesem Fakt haben wir die unzähligen winzigen Kirchlein gleich neben Menhiren, an Quellen, auf den Felsvorsprüngen am Meer und auf Dolmen zu verdanken. 

Unter den geflohenen Kelten muss es einige eigentümliche Gestalten gegeben haben, denn sie siedelten genau auf diesen Stellen, wo heute die Kirchlein stehen, und taten Wunder. Manche einer unterhielt sich mit Tieren, ein anderer aß Zeit seines Lebens einen einzigen Fisch, der sich immer wieder regenerierte. Seltsame Dinge geschahen mit diesen Herren, die alle ganz alleine an diesen einsamen Stellen ihr Leben verbrachten. Eremiten waren es. Und sie waren heilig. 9999 soll es in der Bretagne geben. Rom ist nicht ganz dieser Meinung. Doch mit Rom hatten sie auch nicht viel am Hut. 
Die Kirchlein - und auch die neueren großen, imposanten Kirchen der Bretagne haben alle eines gemeinsam: Man findet einen Calvaire - ein Standbild, auf dem die Geschichte Jesus eingemeiselt wurde - und eine Quelle. Oft ein Menhir oder auch mal eine Krypta aus einem Dolmen. Die alten Stätten aus vor-keltischer Zeit, die megalithischen Stätten, wurden gerne in christliche Stätten einbezogen. Manchmal wurden die Menhire auch einfach in Kreuze umgewandelt. 
Massenhafte Steine, von Menschen dort hingestellt, gibt es in der Bretagne und in Großbritannien. Und überall sonst - wenn man sich für sie interessiert, findet man sie. Megalithische Stätten sind keineswegs auf "keltische Gegenden" beschränkt. Nur sind sie hier am bekanntesten. Der Menhir, der Dolmen, der Cairn - auch lateinisch Tumulus genannt - und schließlich der Cromlec'h, der Steinkreis, in dem Viviane Merlin gefangen hielt. Die Archäologen haben ihnen weltweit bretonische Namen gegeben. Den hohen Stein - Menhir. Den Dolmen - ein Gebilde aus drei Steine, zwei senkrechten, einer oben auf als Deckel. Der Cairn - ein Gebilde aus mehreren Steinen, senkrechten, die mit waagrechten bedeckt sind - und dann mit Erde und Steinen zu einem Hügel aufgeschüttet wurden. 
Es waren nicht die Kelten, wie gerne behauptet wird, die diese Gebilde schufen, sondern die Menschen vor ihnen. Die Kelten haben sie dann nur in ihre spirituelle Mystik, in ihre Kultur, mit eingebaut. Und Gräber aus Steinen zu bauen, das liegt in der Natur der Sache. 
Diese Steine und die Landschaft sind eins. Das ergibt die Keltische Landschaft, mit ihren hecken gesäumten Feldern, den Häuslein aus Granit, den zwei Kaminen, die die Häuslein so typisch machen - auf beiden Seiten des Kanals.
Sogar die Sprachen stammen voneinander ab. Bretonisch und Wallisisch - Welsh - haben wohl viele Ähnlichkeiten, so viele, dass sich die Menschen bis heute verstehen. Auch das ausgestorbene Cornish muss dem Bretonischen ähnlich sein. In wie weit Gälisch und Bretonisch verwandt sind, ist nicht ganz klar, offensichtlich haben sich diese Sprachen auseinander entwickelt. 
Doch den keltischen Sprachen auf beiden Seiten des Kanals ist ähnliches passiert: Sie wurden fast vernichtet. Englisch - diese Mischung aus Germanisch und Französisch mit einem Rest Keltisch - übernahm die Britischen Inseln. Französisch wurde den Bretonen von den französischen Besatzern aufgezwungen. Bis in die 60-er Jahre des 20. Jahrhunderts war es auf den Schulhöfen verboten, Bretonisch zu sprechen. 
Seither aber hat sich etwas getan. Bretonisch wurde vor dem Untergang gerettet. Die Bretonische Kultur in Sprache und Musik wird gepflegt. Die Bretonischen Separatisten haben erreicht, dass mindestens im Westen die Straßenschilder zweisprachig und die Tafeln für Touristen auch in Bretonisch gehalten sind. 
Bretonisch ist keine klangvolle Sprache. Ich finde, sie klingt wie das Bellen eines Hundes. Aber egal wie sie klingt - es ist eine Sprache und sie muss erhalten werden. Und deshalb habe sogar ich einige Wörter gelernt - und bemühe mich, die bretonischen Ortsnamen den französischen vorzuziehen.  

Warum fasziniert mich diese Gegend so sehr?  

Nicht dass ich nicht andere Gegenden erforscht hätte. Besonders Frankreich kenne ich einmal rundum - und große Teile im Landesinneren. Doch die Bretagne ist es, wo ich sein möchte. Am Liebsten für immer. Das geht leider nicht, da ich keine Schriftstellerin bin, die es sich leisten kann, von dort aus zu arbeiten - und keine reiche Erbin, die die horrenden Immobilienpreise aufbringen kann.
Die Arbeit, die mein Leben finanziert und mir auch meine Aufenthalte in der Bretagne ermöglicht, muss ich in Deutschland ausüben. Deshalb bin ich dort gemeldet und lebe sogar ganz gerne in dem Dorf, das ich mir vor vielen Jahren ausgesucht habe - doch meine Sehnsucht liegt in der Bretagne.
Mancheiner würde sagen: Da muss wohl ein früheres Leben stattgefunden haben. Als Agnostikerin meine ich: Vielleicht - wer weiß?