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Freitag, 14. Oktober 2016

Les Sept Saints

Die sieben schlafenden Heiligen - les sept saints dormants

Wenn man das Navigationsgerät richtig programmiert hat, dann fährt man durch diese engen, gewundenen Straßen mit den Bocage-Wällen, durch Eichenwälder und Maisfelder und an alten Höfen vorbei. Auf Weiden, von den Wällen abgegrenzt, gucken Kühe herüber, ab und zu diese schwarz-weissgefleckten, die Friesen sein könnten - und doch oft zu dieser uralten bretonischen Rasse gehören. Die Bretagne hat viele eigene Nutztierrassen, Geflügel, Kühe, Schweine, Pferde, einen Jagdhund und vermutlich noch anderes. Patriotismus ist auch hier weit verbreitet. Aber natürlich steht bei den meisten Landwirten der Ertrag an erster Stelle, weshalb dann die Nutztiere gehalten werden, die diesen garantieren.
Doch wir schauen nun auf die schönen Seiten des Landes.
Wir suchen einen kleinen Weiler - ein Hameau. Sein Name: Les Sept Saints. Genau genommen les Sept Saints dormants - die schlafenden sieben Heiligen.


Die Legende der sieben Schläfer von Ephesus

Der römische Kaiser Decius kommt im Jahr 251 nach Ephesus, um an den Opferfesten für die heidnischen Götter teilzunehmen. Bei dieser Gelegenheit will er die Christenverfolgung überwachen.
Einige Christen versuchen sich zu verstecken, werden aber gefunden und sterben den Märtyrertod. Unter den auf die Stadtmauern gestapelten Leichen drohen diese einzustürzen.
Bei Decius versehen 7 Söhne aus vornehmen Familien Palastdienst und werden verraten, da sie Christen sind. Sie werden zum Kaiser gebracht, der ihnen befiehlt, den heidnischen Göttern zu opfern. Als sie sich weigern, gibt ihnen der Kaiser Bedenkzeit, da sie noch sehr jung sind, und begibt sich auf eine Reise in umliegende Ortschaften.
Die Sieben sammeln Almosen für die Armen der Stadt und verteilen sie. Sie beschließen, sich in einer Höhle im Berg Achilus zu verstecken, um in Ruhe zu ihrem Gott beten zu können.
Als Bettler verkleidet wird der Jüngste in die Stadt geschickt, um Nahrungsmittel zu kaufen. Genau jetzt kommt Decius zurück. Der Junge flieht aus der Stadt und kehrt zu den anderen in die Höhle zurück. Er hatte in der Eile nicht geschafft, genügend Brote zu kaufen. Die Freunde fangen an zu wehklagen, essen von den knappen Lebensmitteln und schlafen schließlich ein, ihre Seelen in die Hände Gottes legend.
Nun befielt Decius, die Höhle zuzumauern.
In einem Manuskript aus dem 14. Jahrhundert steht, Decius habe nach den Jungen suchen lassen. Als man sie nicht fand, drohte er den Vätern Folter an. Darauf verrieten diese das Versteck ihrer Söhne. Decius ließ den Höhleneingang daraufhin verschließen.
Zwei weitere christliche Diener des Kaisers schreiben heimlich das Geschehene auf bleierne Tafeln nieder und verstecken diese in einer Schatulle unter den Steinen am Höhleneingang. Bald darauf stirbt Decius.

Dienstag, 24. September 2013

Inseln



Das Archipel - in der Mitte die Île de Marquer

Inseln finde ich grundsätzlich faszinierend. Die Inseln vor der Bretagne haben ihren eigenen Zauber. Und auf manchen von ihnen stehen Häuser, landwirtschaftliche Gehöfte, sogar eine Kapelle findet man.
Eine Gruppe solcher bewohnten Inseln befinden sich vor Port Blanc und Buguélés.
Es ist anzunehmen, dass hier eine zusammenhängende Landmasse existiert hatte, wie es allerdings oft in den flachen Buchten vor der Bretagne der Fall ist. Beweise sind manchmal megalithische Stätten, die bei Flut im Wasser versinken. Wir können davon auszugehen, dass die Errichter dieser Steine keine nassen Füße bekamen, damals vor 4000 oder sogar 5000 Jahre.

Das Archipel

Das Archipel aus Richtung Port Blanc, links Saint Gildas
Hier an diesem Küstenabschnitt gibt es unzählige Inseln und Steinhaufen. Der Boden dazwischen ist bei Ebbe begehbar, sogar mit dem Auto kann man dort fahren. Die gesamte Anse de Gouermel, die Bucht zwischen den beiden Weilern Buguélés und Port Blanc, ist bei Ebbe zu Fuß zu durchqueren.
Eine Frau, die ich einmal bei ihrem Ferienhaus in der Nähe des Castel meur kennenlernte, erzählte mir, dass sie Wanderungen von dort bis Port Blanc machen - quer über den Meeresboden. Sie müssten nur genau die Zeiten einhalten und sich am Ziel nicht zu langen aufhalten, sonst könnten sie auf dem Rückweg Probleme bekommen. Und außen herum auf dem Land ist das ein guter Tagesmarsch, keine gute Idee, dazu gezwungen zu sein.
Bei einer dieser Wanderungen hatten sie und ihr Mann wohl auch die Eigentümer der Enez Illiec kennengelernt. Offensichtlich hatten sie sich nicht ganz an die Regeln der Inselgrenzen gehalten. Seien aber nette Leute, meinte sie, diese Champagnerfabrikanten.
Die meisten der besiedelten Inselchen gehören zu Buguélés, einem Ortsteil von Penvénan.  Gegenüber des kleinen Hafens mit den Fischerbooten befindet sich die Île Balanec und die kleine Île Ozac'h, dazwischen befindet sich eine Moulin marée, eine Gezeitenmühle. Man wusste schon immer die Kraft des Wassers zu nutzen. 

Île de Marquer

Gebäude auf der Île de Marquer
Manche Inseln werden bewirtschaftet. Viehzucht, aber auch Ackerwirtschaft werden dort betrieben. Auf den meisten wurde die Bewirtschaftung jedoch aufgegeben. Realistisch gesehen kann es auch nicht wirtschaftlich sein, diese Inseln heute noch zu bewirtschaften.
Ebenfalls auf der Île de Marquer
Doch meine Vermieterin erzählte mir, dass ihr Vater in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, also während der deutschen Besatzungszeit, auf Saint Gildas als Landarbeiter gearbeitet hatte.
Auf der Île de Marquer, die zweigeteilt ist, sieht man auf Google Earth auch heute noch einen Acker. Die Insel liegt im Westen von Buguélés, an der kleinen Bucht, die es von Port Blanc trennt. Auf dem winzigen Zipfel Festland, der hier ins Meer vordringt, steht ein aktiver Bauernhof. Zur Insel hinüber sind es nur wenige Meter. Anzunehmen, dass der Acker von dort aus bewirtschaftet wird. Über die beiden Gebäude auf der Insel gibt es keine Informationen.
In der Bucht wird der Tang gesammelt und getrocknet. Der Tang dient als Dünger, wird aber auch wie Algen allgemein von der Kosmetikindustrie verwendet.

Privatinseln

Felsen mit Seezeichen am Rand von Saint Gildas
Doch schon damals um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert hatten sich reiche Künstler, Schriftstelle, Maler, auch Wissenschaftler auf den Inseln niedergelassen.
So gehörte Saint Gildas, die größte Insel des Archipels, in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts dem Nobelpreisträger für Medizin, Dr Alex Carrel.
Über Dr. Alex Carrel fand ich Informationen - und wenn man liest, dass er einen Posten im Gesundheitsministerium des Vichy-Regimes hatte und einige Ansichten der Nazis vertrat, versteht man, warum die Universität von Lyon 1994 ihren Namen änderte. Mehr muss man nicht auf seine Person eingehen, das würde den Zauber der Insel stören. Er hatte den Nobelpreis bereits 1912 erhalten. Lassen wir ihn ihm. 

Enez Illiec


Enez Illiec mit dem Lindbergh-Haus

Carrel war Freund, Mentor und Mitarbeiter von Charles Lindbergh, dem Flieger. Als Charles und Anne Lindbergh die Carrels auf ihrer Insel besuchten, waren sie - wen wundert es - fasziniert von der Atmosphäre, dem Land, dem Meer und den Felsen. Sie entschieden sich, das Haus auf der Enez Illiec zu kaufen. „Enez“ ist das bretonische Wort für „Insel“. Dieses Haus war 1876 vom Musiker und Komponisten Ambrose Thomas, der die Oper 'Mignon' komponiert hatte, gebaut worden. 
Enez Illiec bei Ebbe
Die Lindberghs wohnten nur von 1936 bis 1939 auf der Insel. In der Zeit pflanzten sie 500 Zypressen und 500 Pinien. Dank dieser Aktion ist das Inselchen auch heute noch bewaldet. Das Haus hat einen kleinen Turm auf der einen und eine Kapelle auf der anderen Seite. Lindberghfans – Fans der frühen Fliegerei – pilgern heute noch hierher und werden durch die großen Schilder, die das Betreten der Insel untersagen, abrupt gestoppt. Ich bin sicher, nicht jeder lässt sich davon abhalten, die Insel zu betreten, wenn das Haus geschlossen ist.
Nachdem ich schon auf dem Contentin den „Lindbergh Plage“ (in der Nähe von Portbail, südlich von Cherbourg) entdeckt hatte, fand ich es nun schon interessant, hier das Haus zu finden. Die Lindberghs lebten nur diese drei Jahre hier, dann wurde die Situation in Europa zu unruhig, und sie kehrten in die USA zurück. 
Heute gehört diese Insel der Champagner-Familie Heidsieck. 

Saint Gildas

Der Weiler auf Saint Gildas mit dem Seezeichen
Saint Gildas, die größte Insel des Archipels, gehört heute einem belgischen Industriellen und kann wie alle Privatinseln nur bis zum Rand der höchsten Flut betreten werden.
Ein besonderes Spektakel findet dort jährlich im Juni statt: Der Pardon der Pferde. 
Das Seezeichen zeigt die Ecke zum Hafen von Port Blanc an

Pardons sind die Wallfahrten, die jedes Jahr für jeden einzelnen der vielen bretonischen Heiligen stattfinden. Meist werden in den jeweiligen Orten Statuen dieser Heiligen unter Absingen frommer Lieder und dem Verteilen von Weihrauch und -wasser herumgetragen. Und es wird gefeiert.
Die Kapelle auf Saint Gildas
Hier auf Saint Gildas ist es ein Pardon der Pferde. Es wird seit dem 18. Jahrhundert durchgeführt. Es geht die Geschichte, dass vor sehr langer Zeit - in den dunklen Zeiten - alle Pferde des Kontinents durch eine schreckliche Krankheit fast ausgerottet wurden. Nur die Pferde auf der Insel überlebten, weil Saint Gildas sie geschützt hatte. Schön, dass Heilige immer so angenehme Wunder verbringen.
Gebäude auf Saint Gildas
Aus diesem Anlass überqueren jedes Jahr die Pferde der Gegend mit ihren Reitern unter großem Hallo die Bucht. Auch Fußgänger besuchen dann die Insel, es werden sogar Transporte mit Karren angeboten. Es ist der einzige Tag, an dem die Insel betreten werden darf. In der Kapelle wird des Heiligen gedacht, es wird gefeiert, und dann geht es zurück über die Bucht, über den Kieseldamm, zu Fuß, mit dem Karren oder im Galopp auf den Pferden. Die Zeiten sind genau vorgegeben. Das Zeitfenster lässt etwa vier Stunden - zwei davon zwischen Hoch- und Niedrigwasser, und spätestens zwei Stunden nach der Ebbe sollten die Feiernden wieder auf dem Festland sein, sonst gibt es nasse Füße.

Hier ist eine nette PDF-Doumentation mit vielen Fotos von diesem Ereignis: Pardon der Pferde

Donnerstag, 19. September 2013

Île Grande - die erste Umrundung


Die Île Grande ist über eine kurze Brücke mit dem Festland verbunden. Eigentlich merkt man nicht, wenn man von der Küstenstraße von Trégastel nach Trébeurden rechts abbiegt, dass man auf eine Insel fährt, vor allem bei Ebbe sieht man erst einmal kein Wasser.
Doch es ist eine Insel.
Ein Küstenweg führt um sie herum, der mit 7 km angegeben ist. Wer nun denkt, man schafft ihn in knapp 2 Stunden, hat sich geirrt. Es gibt Leute, die schaffen die Umrundung schneller, sehen dabei jedoch nichts außer die Beschaffenheit des Pfades, auf den sie ihre Füße knallen. Der Küstenweg ist eine beliebte Joggerstrecke. Über die Mittagzeit traben die Runde. Dabei müssen sie auf dem teilweise sehr schmalen und unwegsamen Pfad ziemlich auf ihre Füße achten, sonst können sie schnell längere Zeit gar nicht mehr gehen.
Ich aber gehe den Weg - zwar nicht gerade gemächlich, aber doch ruhig und mit Genuss. Ich sehe beim Gehen. Mehrmals werde ich während meines Aufenthaltes diese Insel umrunden. Ich mache das jedes Jahr - und es ist nie langweilig.



Die Insel und die kleinen Inseln oder besser Felshäufen um sie herum wurde einst abgebaut. Der graue Granit wurde herausgehauen und aufs Festland gebracht. Man erkennt die Steinbrüche, teilweise auf der Insel, teilweise am Felsenrand. Oft liegen auch große Quader am Wegrand, in denen man die Narben der Werkzeuge, die die Steinhauer benutzten, sieht. Auch die kleinen, unbewohnten Nachbarinseln haben diese Narben. Das Steinehauen war ein hartes Geschäft. Die Männer mussten bei Wind und Wetter die Steinquader heraushauen und, abhängig von den Gezeiten, an Land schaffen. An manchen Stellen sieht man noch die metallenen Schienen der Loren, die sie wohl irgendwann zur Hilfe hatten.
Das Denkmal für die Steinhauer
Seit einigen Jahren ist nun an der Nordküste, neben einem der Steinbrüche, der senkrecht ins tobende Meer hinunterstürzt, den Steinhauern ein Denkmal gesetzt.
Ich beginne meinen Rundweg an der Segelschule. Warum da fünf Feuerwehrautos, schön poliert und ordentlich aufgereiht, stehen, entzieht sich meiner Kenntnis, hübsch anzuschauen sind sie. Ich parke halt in der vorderen Reihe.
Dann laufe ich los, im Uhrzeigersinn. Vielleicht werde ich ein anderes Mal anders rum laufen oder an einem anderen Parkplatz beginnen - doch auch ohne solche kleinen Abwechslungen wird diese Insel nicht langweilig.
Ich habe sie für mich in einige Etappen eingeteilt, die tatsächlich ziemlich unterschiedlich sind. Von der Segelschule geht es zuerst an der Ostküste entlang durch ein Kiefernwäldchen, Dünen und Gras. Gegenüber liegt Landrellec und dazwischen die Île d'Aval, die Apfelinsel, wie viele Inseln im Privatbesitz. Sie wird für das bretonische Avalon gehalten. Artus soll auf ihr beerdigt sein. Bei Ebbe könnte man hinüber laufen, was ich auch schon mal getan habe, doch es ist verboten, Inseln im Privatbesitz zu betreten. Die Hochwassergrenze ist die Grenze des Privateigentums. Was mich nicht hindert, trotzdem solche Inseln zu betreten, wenn dort niemand ist. Doch auf der Île d'Aval war ich nur damals 1987, als wir zum ersten Mal in der Bretagne waren. Sie hat sich inzwischen sehr verändert, wurde von einem Kartoffelacker in ein parkähnliches Gelände verwandelt. Ein Haus wurde etwas verborgen hinter Kiefern gebaut. Das sieht man durch das Fernglas. Als es noch den Kartoffelacker gegeben hat, sah man auch einen Menhir und ein altes Steinkreuz. Beide sind noch vorhanden, nur nicht mehr so gut zu sehen. Es geht die Sage, dass eines von beidem Artus Grab sei - welches, darf erraten werden... Ich tendiere zum Menhir.  
Die nächste Etappe fängt an einem kleine Parkplatz an und führt zuerst einige Meter an einer kleinen Straße entlang, die von der Zufahrtstraße abbiegt. Diese Strecke ist die einzige, bei der der Hund an die Leine muss. Wenn die Zufahrtstraße überquert ist, geht es entlang des verlandeten und nur bei hohen Koeffizienen wirklich überspülten Gebietes zwischen Festland und Insel. Einige Zeit läuft man an den Häusern entlang, deren Gärten bis zum Wasser oder besser den Pfad reichen. Der Ort ist geschützt auf der Festlandseite gebaut, eingeschmiegt in die Höhen, die sich gegen Norden richten.
Auf der höchsten Höhe gibt es eine schöne Allée couverte - ein Tumulus.
Doch um den zu sehen, müsste ich innen durch die Insel  hinauf auf die Höhe gehen. Oder ein anderes Mal mit dem Auto hinfahren.

Sonntag, 15. September 2013

Degemer mat!

Breizh

Die Frage, die mir viele stellen: Warum treibt es dich seit vielen Jahren immer wieder in die Bretagne?
Antwort: Weil die Engländer meinen Hund nicht wollen - und ohne den fahre ich nirgendwo hin.
Inzwischen würden die Briten die Einreise des Hundes akzeptieren, aber na ja, nun hat mich schon die Bretagne mit ihrem Bann belegt. Zu spät, Briten...
Warum aber überhaupt keltische Länder? Das frage ich mich selbst. Ich bin hier zu Hause. Warum auch immer. Das war so, als ich zum ersten Mal britischen Boden betrat - ich war nach Hause gekommen. Das war 1970 und ich 17 Jahre alt. Seither ließen mich die britischen Inseln nicht mehr los. Später dann war mir der Hund wichtig - und ich musste die Inseln gegen die Halbinsel der Bretagne tauschen.  

Little and Great Britain 

In vielem sind sie sich ähnlich, die beiden Britannien dieseits und jenseits des Kanals. Keltisch waren sie beide. Zuerst besiedelten die Kelten auf ihren Wanderungen vom Süden her die Bretagne und mischten sich mit den vorigen Kulturen, wie sie es immer getan hatten - dann setzten sie über und machten dasselbe auf den Inseln. 
Die Römer überrannten die Kelten der Bretagne - bis auf jenes bekannte kleine gallische Dorf natürlich - und versuchten das auch auf den Inseln. Dort klappte das aber nicht so ganz. Und Hadrians Wall setzte dem Vormarsch endgültig ein Ende.
Nach der Zeitenwende kamen die Germanen. Wikinger, Angeln, Sachsen besetzten die größte Insel und benannte sie um - in Angelssachsen - Angelland - England. Die Kelten flohen über den Kanal und besiedelten die Bretagne ein zweites Mal. In der Zeit kämpfte König Artus und die Seinen gegen Drachen und Sachsen. Zauberer Merlin kam aus Klein-Britannien über den Kanal und mischte mit. Auf der Flucht vor den Germanen nahmen die Briten die Sagen mit und pflanzten sie zur Freude heutiger Touristen in der Bretagne ein. Die Saat wurde zuerst von den Romantikern des 19. Jahrhunderts und dann von deren Nachfolgern, den Tourismusverbänden, fleißig weitergegossen, was bis zu heutigen Straßennamen und Felsunterkünften einiger Sagengestalten führte. Artus, Viviane und Merlin wurden an mehreren Stellen gesichtet. Broceliande, der Wald bei Rennes, ist ein Zentrum der Mystik. Mein Hund Merlin konnte einst ans eigene Grab pinkeln. Auch im Wald von Huelgoat findet man Artus, Lancelot und Gwynivieve durch die Bäume streifen. Und dazwischen versuchen einige Inselchen sich als Avalon. Besonders die Île d'Aval neben der Île Grande bei Pleumeur Boudou könnte es sein, denn angeblich ist dort das Grab von Artus. Man muss nur entscheiden, ob er unter dem Kreuz oder dem Menhir liegt.
Die damaligen Briten waren bereits von Saint Patrick und seinen Kumpeln christianisiert, sodass die Bretagne eines der ersten Gebiete im Norden des Kontinents war, das christlich wurde. Diesem Fakt haben wir die unzähligen winzigen Kirchlein gleich neben Menhiren, an Quellen, auf den Felsvorsprüngen am Meer und auf Dolmen zu verdanken. 

Unter den geflohenen Kelten muss es einige eigentümliche Gestalten gegeben haben, denn sie siedelten genau auf diesen Stellen, wo heute die Kirchlein stehen, und taten Wunder. Manche einer unterhielt sich mit Tieren, ein anderer aß Zeit seines Lebens einen einzigen Fisch, der sich immer wieder regenerierte. Seltsame Dinge geschahen mit diesen Herren, die alle ganz alleine an diesen einsamen Stellen ihr Leben verbrachten. Eremiten waren es. Und sie waren heilig. 9999 soll es in der Bretagne geben. Rom ist nicht ganz dieser Meinung. Doch mit Rom hatten sie auch nicht viel am Hut. 
Die Kirchlein - und auch die neueren großen, imposanten Kirchen der Bretagne haben alle eines gemeinsam: Man findet einen Calvaire - ein Standbild, auf dem die Geschichte Jesus eingemeiselt wurde - und eine Quelle. Oft ein Menhir oder auch mal eine Krypta aus einem Dolmen. Die alten Stätten aus vor-keltischer Zeit, die megalithischen Stätten, wurden gerne in christliche Stätten einbezogen. Manchmal wurden die Menhire auch einfach in Kreuze umgewandelt. 
Massenhafte Steine, von Menschen dort hingestellt, gibt es in der Bretagne und in Großbritannien. Und überall sonst - wenn man sich für sie interessiert, findet man sie. Megalithische Stätten sind keineswegs auf "keltische Gegenden" beschränkt. Nur sind sie hier am bekanntesten. Der Menhir, der Dolmen, der Cairn - auch lateinisch Tumulus genannt - und schließlich der Cromlec'h, der Steinkreis, in dem Viviane Merlin gefangen hielt. Die Archäologen haben ihnen weltweit bretonische Namen gegeben. Den hohen Stein - Menhir. Den Dolmen - ein Gebilde aus drei Steine, zwei senkrechten, einer oben auf als Deckel. Der Cairn - ein Gebilde aus mehreren Steinen, senkrechten, die mit waagrechten bedeckt sind - und dann mit Erde und Steinen zu einem Hügel aufgeschüttet wurden. 
Es waren nicht die Kelten, wie gerne behauptet wird, die diese Gebilde schufen, sondern die Menschen vor ihnen. Die Kelten haben sie dann nur in ihre spirituelle Mystik, in ihre Kultur, mit eingebaut. Und Gräber aus Steinen zu bauen, das liegt in der Natur der Sache. 
Diese Steine und die Landschaft sind eins. Das ergibt die Keltische Landschaft, mit ihren hecken gesäumten Feldern, den Häuslein aus Granit, den zwei Kaminen, die die Häuslein so typisch machen - auf beiden Seiten des Kanals.
Sogar die Sprachen stammen voneinander ab. Bretonisch und Wallisisch - Welsh - haben wohl viele Ähnlichkeiten, so viele, dass sich die Menschen bis heute verstehen. Auch das ausgestorbene Cornish muss dem Bretonischen ähnlich sein. In wie weit Gälisch und Bretonisch verwandt sind, ist nicht ganz klar, offensichtlich haben sich diese Sprachen auseinander entwickelt. 
Doch den keltischen Sprachen auf beiden Seiten des Kanals ist ähnliches passiert: Sie wurden fast vernichtet. Englisch - diese Mischung aus Germanisch und Französisch mit einem Rest Keltisch - übernahm die Britischen Inseln. Französisch wurde den Bretonen von den französischen Besatzern aufgezwungen. Bis in die 60-er Jahre des 20. Jahrhunderts war es auf den Schulhöfen verboten, Bretonisch zu sprechen. 
Seither aber hat sich etwas getan. Bretonisch wurde vor dem Untergang gerettet. Die Bretonische Kultur in Sprache und Musik wird gepflegt. Die Bretonischen Separatisten haben erreicht, dass mindestens im Westen die Straßenschilder zweisprachig und die Tafeln für Touristen auch in Bretonisch gehalten sind. 
Bretonisch ist keine klangvolle Sprache. Ich finde, sie klingt wie das Bellen eines Hundes. Aber egal wie sie klingt - es ist eine Sprache und sie muss erhalten werden. Und deshalb habe sogar ich einige Wörter gelernt - und bemühe mich, die bretonischen Ortsnamen den französischen vorzuziehen.  

Warum fasziniert mich diese Gegend so sehr?  

Nicht dass ich nicht andere Gegenden erforscht hätte. Besonders Frankreich kenne ich einmal rundum - und große Teile im Landesinneren. Doch die Bretagne ist es, wo ich sein möchte. Am Liebsten für immer. Das geht leider nicht, da ich keine Schriftstellerin bin, die es sich leisten kann, von dort aus zu arbeiten - und keine reiche Erbin, die die horrenden Immobilienpreise aufbringen kann.
Die Arbeit, die mein Leben finanziert und mir auch meine Aufenthalte in der Bretagne ermöglicht, muss ich in Deutschland ausüben. Deshalb bin ich dort gemeldet und lebe sogar ganz gerne in dem Dorf, das ich mir vor vielen Jahren ausgesucht habe - doch meine Sehnsucht liegt in der Bretagne.
Mancheiner würde sagen: Da muss wohl ein früheres Leben stattgefunden haben. Als Agnostikerin meine ich: Vielleicht - wer weiß?